Leserbrief

Europawahlen

Sich um Nöte der Menschen sorgen

Am Sonntag dürfen wir wählen - auch für Europa. Die millionenschwere Plakatschlacht hierzu: nichtssagend, inhaltslos und sogar irreführend. Man hätte sie sich sparen können. Denn nutzen wird sie nichts. Die Wahlbeteiligung sinkt mutmaßlich auf ein Rekordniveau und die sogenannten Populisten werden einen historischen Sieg einfahren. Weil man alles falsch gemacht hat, was nur geht. Schulz und Juncker, die ausgerufenen Spitzenkandidaten, schummelten sich in den TV-Duellen durch die Sendungen. Den Zuschauer ließen sie ratlos zurück. Wirklich unterscheidende Merkmale für die beiden - er fand sie nicht.

In Informationssendungen und in weiten Teilen der Presse unternahm man Erklärungsversuche. Wie groß beispielsweise der Einfluss des Europaparlaments auf den Alltag des Bürgers ist - Glühbirnen, Staubsauger, Kaffeemaschinen und Duschköpfe ließen grüßen. Aber nein - so wurde beschwichtigt - das sei natürlich nicht alles.

Einen traurigen Höhepunkt lieferte die Sendung "Hart aber fair": Frank Plasberg zelebrierte genüsslich die akribischen Vorgaben und Richtlinien hochbezahlter Eurokraten zur Zubereitung einer "Pizza Neapolitana". Glaubt man in Brüssel oder Straßburg ernsthaft, dass man Europa so vermitteln kann? Fragen, die die Wähler bewegen, wurden dafür so gut wie nicht angesprochen. Oder in den Antworten der Politiker offenbarte sich deren ganze Hilflosigkeit. Wie etwa geht es weiter mit der Haftung für die Schulden anderer Euro-Länder? Oder in der Asyl-, Flüchtlings- und Einwanderungspolitik? Wie will man die Steuerschlupflöcher schließen? Welches Konzept hat man für die Sanierung der maroden Wirtschaft in Südeuropa und die dramatische Jugendarbeitslosigkeit dort? Wo sieht man die Grenzen der Erweiterung? Was hat das Europaparlament in diesen Fragen überhaupt zu sagen?

Populisten haben leichtes Spiel. Im Gegensatz zu den "Etablierten" signalisieren sie: Wir haben diese Fragen verstanden und hören Euch an. Dass sie dazu - je nach Herkunft - auch Antworten aus der "untersten Schublade" liefern, hält viele Wähler nicht ab. Denn es ist ihnen lieber, angehört als ignoriert zu werden. Sie wählen aus Frust und Enttäuschung, nicht aus Überzeugung.

Zweifler und Kritiker - nicht die Gegner - wollen auch Europa, aber sie wollen es nicht so. Herausgekommen ist bis jetzt nämlich (fast) nur ein Europa der Bruttoinlandsprodukte, Stabilitätsfaktoren, Rettungsschirme und Lobbyisten. Erhofft und gewünscht hätte man sich eine Gemeinschaft, die auch den Menschen nah ist, sich derer Sorgen und Nöte annimmt und sie verbindet.

Also alles schlecht in Europa? Nein! Vor zwei Jahren wurde der Europäischen Union der Friedensnobelpreis verliehen. Zu Recht. Auch dank ihrer Mitwirkung über Jahrzehnte hinweg hat Europa eine so noch nie dagewesene Periode des Friedens erlebt. Jetzt aber droht die Gefahr, dass das Erbe verspielt wird, welches Visionäre wie Adenauer, de Gaulle, und Willy Brandt hinterlassen haben. Es wäre ein Jammer.

Rudolf Berger, Hockenheim

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