Leserbrief

Flüchtlingsunterkunft im Atlanta Wie ehrenamtliche Helferinnen über die Zustände denken und ihre dortige Bildungsarbeit einschätzen

Stadt sollte sich endlich kümmern

Ihr Artikel über die hygienischen Zustände im Atlanta am letzten Samstag untermauert zusammen mit den Bildern sehr eindrücklich die dortige Situation. Die mangelnde Hygiene dort ist seit drei Jahren Thema zwischen den ehrenamtlich Tätigen und den zuständigen Ansprechpartnern der Stadt. Wir haben nichts unversucht gelassen, um etwas daran zu ändern, haben viele Gespräche diesbezüglich geführt, Putzpläne für die Gemeinschaftsräume entworfen und ausgehängt, mit den Bewohnern selbst Putzaktionen veranstaltet, Material besorgt, selbst geputzt – und es ist auch heute immer wieder Thema am „runden Tisch“.

Geändert hat sich nichts. Unsere Vorschläge und Versuche haben alle nicht gegriffen, waren nicht durchsetzbar. Wir verfügen auch über keinerlei Sanktionsmaßnahmen bei Nichteinhalten von getroffenen Verabredungen.

Hier ist die Stadt in der Verantwortung, sie muss für Sauberkeit in den öffentlichen Räumen sorgen. Für die Bewohner der unteren Etage und für Besucher steht eine Toilette zur Verfügung! Den Satz von Bürgermeister Steffan „wir haben es in der Balance“ kann ich nicht nachvollziehen, Balance sieht anders aus!

Die Tatsache, dass Herr Ewodo nach vier Jahren immer noch einen Dolmetscher braucht zum Kommentieren der vorliegenden Ereignisse, liegt aber sicher nicht daran, dass kein Deutschunterricht stattgefunden hätte. Andere Bewohner haben im Zeitraum von vier Jahren B2-Prüfungen abgelegt und bestanden, machen Ausbildungen und sind integriert – sie haben diesen Unterricht regelmäßig besucht, sie haben die Angebote wahrgenommen! Der jeden Tag stattfindende Unterricht zieht sich bis in den Freitagabend und die Stundenpläne sind für jeden einsehbar. Die Redakteurin kann uns doch mal einen Tag lang begleiten und sich selbst ein Bild machen. Sie machen den Ehrenamtlichen den Vorschlag, den Bewohnern die Sauberkeit und Ordnung vorzuleben, die wir erwarten. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie der Meinung sind, dass es bei uns zu Hause auch so aussieht. Wenn man wollte, könnte man es so verstehen. Sie können aber davon ausgehen, dass alle Ehrenamtlichen im Atlanta in ihren Berufen als Lehrer, Ärzte oder Erzieher durchaus wissen, wie man mit Vorleben, Konsequenz und Verantwortung umgeht. Ihre Forderungen richten Sie bitte an die Stadt und nicht an uns.

Mit Abstrichen bedanke ich mich für den Artikel – er legt Missstände auf den Tisch, die es in Schwetzingen so nicht geben sollte.

Ulrike Horn-Rudolph,

Schwetzingen

Kreis müsste sanktionieren

Für uns Ehrenamtliche war es eine große Überraschung, den Artikel vom letzten Samstag zu lesen. Nicht wegen der Schilderung der hygienischen Zustände – darüber haben wir und die von uns betreuten Bewohner immer wieder geklagt, und immer wieder zu hören bekommen (von der Stadt und vom Landratsamt), man könne nichts tun, es sei in der Verantwortung der Bewohner. Mal davon abgesehen, dass, wenn 100 Männer zusammen eine Küche benutzen, es immer Probleme gibt (sicher erinnert sich noch jeder an die Streitereien in Studentenwohnheimen und Wohngemeinschaften), ist die Situation im Atlanta extrem unfair.

Die Männer, die wir Ehrenamtlichen betreuen, sind alle in Ausbildung oder arbeiten. Das bedeutet, sie bekommen keinen Cent vom Staat (Landratsamt), sie zahlen Steuern, Sozialabgaben und Miete für ihre Unterbringung im Atlanta an die Stadt Schwetzingen. Wir Ehrenamtlichen geben ihnen Nachhilfeunterricht (Deutsch, Mathe und andere Fächer), damit sie ihre Ausbildung gut absolvieren können. Wir helfen bei Behördengängen oder Arztbesuchen.

Die Bewohner, die die Probleme verursachen, bekommen wir gar nicht zu Gesicht, denn die wollen oder können offensichtlich kein Deutsch lernen und nicht arbeiten. Und sie werden vom Landratsamt alimentiert. Das ist das Problem: Die, die Miete zahlen, machen immer wieder zähneknirschend sauber, und die, die Unterhalt vom Landratsamt bekommen, machen nichts! Und das bedarf dringend einer Lösung. Ich finde es nicht zielführend, dass Menschen, die von unserem Staat unterhalten werden, nicht bereit sind, sich an die Regeln zu halten. Schon mehrfach wurden Putzpläne erstellt und versucht, das Ganze zu regeln, aber gewisse Leute, immer dieselben, machen nicht mit. Warum ist es nicht möglich, hier Sanktionen zu verhängen? Das wird doch mit Arbeitslosen, die nicht kooperieren, auch gemacht. Wenn man jedem Bewohner nur 5 Euro weniger pro Monat auszahlen würde, könnte man davon eine Putzkraft finanzieren.

Was mich außerdem sehr geärgert hat: Die Personen, die an die Presse gegangen sind, haben im Vorhinein keinen Kontakt mit den Ehrenamtlichen aufgenommen, und da entstanden viele Missverständnisse. Zum Beispiel die Aussagen von Herrn Ewodo, der interviewt wurde, wurden völlig falsch wiedergegeben. Es stimmt, dass er noch nicht so gut Deutsch spricht, aber er hat bei mir wöchentlich Unterricht, er hat durch meine Vermittlung eine gute Arbeit bei der Firma Massong in Frankenthal bekommen, er ist bei der Freiwilligen Feuerwehr Schwetzingen aktiv (auch durch meine Vermittlung)und kommt sehr gut zurecht. Nur ärgert er sich zurecht über die hygienischen Zustände, schließlich bezahlt er Miete.

In dem Artikel entstand der Eindruck, Leute wie er seien sich selbst überlassen, das stimmt ganz und gar nicht. Was Herr Ewodo meinte (auf meine Rückfrage hin): Dadurch, dass die meisten Lernwilligen jetzt tagsüber arbeiten oder ihre Ausbildung machen, gibt es nur noch abends Unterricht. Und früher hat die Anwesenheit der Lehrkräfte tagsüber dafür gesorgt, dass mehr Kontrolle da war und es deshalb mit der Küche besser klappte. Es ist enorm, was die Ehrenamtlichen an Zeit und Energie einsetzen, natürlich völlig kostenlos, im Gegenteil, viele investieren über ihre Zeit hinaus auch noch ihr Geld für Material, Fahrtkosten uns so weiter.

Und es ist nicht hinnehmbar, dass das nicht gewürdigt wird, deshalb möchte ich das nochmals betonen, besonders an die Adresse von Personen, die einfach mal so im Atlanta vorbeikommen und dann meinen, sie wüssten Bescheid. Claudia Lohmann, Schwetzingen

Es gibt Unterricht

Leider hat der Artikel in der Schwetzinger Zeitung teilweise den Eindruck erweckt, als gäbe es keinen Unterricht im Hotel Atlanta. Das ist nicht der Fall.

Schon seit Jahren unterrichten Ehrenamtliche die Bewohner – und auch frühere – der Flüchtlingsunterkunft. Am Anfang ging es vor allem um die Vermittlung von grundlegenden Deutschkenntnissen, dann zunehmend von Grammatik- und Konversationskompetenzen. Aktuell bieten Ehrenamtliche im Hotel Atlanta Nachhilfe für verschiedene Berufsschulfächer an, zum Beispiel Elektrotechnik, Logistik und Bürokommunikation/Rechnungswesen sowie Wirtschaft, Gemeinschaftskunde und Deutsch. Auch Mathematikunterricht findet an mehreren Abenden statt. In Deutsch als Fremdsprache unterstützen Ehrenamtliche die Teilnehmer bei den Vorbereitungen auf die A2- und B1-Prüfung. Fast alle Schüler gehen arbeiten oder machen eine Ausbildung – und zahlen Miete, Steuern sowie Sozialabgaben. Nach Feierabend und am Wochenende besuchen sie den Unterricht im Atlanta, manche mehrmals die Woche.

Es gibt zudem (gebrauchte) Lexika und Bücher, die sich jeder für das Selbststudium ausleihen oder mitnehmen kann. Ein Stundenplan informiert über den Unterricht und hängt aus. Dank eines regen Austauschs mit den Integrationsmanagern erhalten interessierte Atlanta-Bewohner auch Plätze in Kursen professioneller Bildungsanbieter.

Dr. Katrin Bischl, Schwetzingen

Anmerkung der Redaktion: Wer unseren Beitrag liest, der weiß, dass wir nie behauptet haben, es gäbe keinen Unterricht von Ehrenamtlichen im Atlanta. Wir haben einen Flüchtling zitiert. Bei dem Gespräch waren ein Übersetzer, zwei Redakteurinnen und eine Betreuerin zugegen, die alle gehört haben, was der Mann uns gesagt hat. Im weiteren Text hatte ja Bürgermeister Steffan das auch klargestellt. Wir hätten übrigens gerne auch die Sprecherin der Ehrenamtlichen, CDU-Stadträtin Rita Erny, zitiert. Sie hatte aber eine Begehung mit uns abgelehnt und der städtische Pressesprecher hatte erklärt, dass sie zum Themenkreis nichts sagen werde. Erst nach Intervention unserer Seite war es überhaupt zu einem Vor-Ort-Termin mit der Stadt gekommen, sonst wäre bis heute alles unterm Teppich geblieben – oder unterm runden Tisch.

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