Leserbrief

Farbenlehre Der Mensch hat die Fähigkeit gleichermaßen schöpferisch wie zerstörerisch zu wirken

Synonym für Emotionen?

Etymologisch betrachtet bedeutet Farbe nichts anderes als die durch Lichtstrahlen bestimmter Wellenlänge hervorgerufenen Erscheinungen vor dem Auge. Kulturspezifisch jedoch sind Farben Bedeutungsträger und haben einen nicht unerheblichen psychologischen Einfluss auf die Wahrnehmung der Menschen.

Die Bedeutungen sind deshalb auch sehr vielschichtig, denn unterschiedlichste Gegebenheiten, wie religiöse Symbolik, historische Entwicklungen, klimatisch-geografische Divergenzen oder soziokulturelle Unterschiede bedingen letztlich die jeweilige Relevanz und Signifikanz. So verbinden wir hierzulande mit der Farbe Grün den Begriff Hoffnung, Gelb dagegen steht für Neid und Rot ist die Farbe der Liebe. Die Farbe Braun allerdings steht für die historisch unrühmliche Nazi-Vergangenheit Deutschlands.

Schaut man sich andere Kulturen an, so sieht man ganz andere Zuordnungen, denn die Farbe Rot zum Beispiel bedeutet in Korea Tod. Allerdings gibt es in der globalen Betrachtung der Farbbedeutung auch kulturübergreifende Übereinstimmungen, so etwa wird die Farbe Blau fast überall positiv empfunden, denn diese Farbe steht für Harmonie und Ruhe und symbolisiert die Mächte des Himmels und der Unsterblichkeit.

Mit Farben verbindet man Wirkungen und auch Emotionen, die, wie empirische Untersuchungen der Farbpsychologie bestätigen, beim Menschen unbewusst eine bestimmte Wirkung entfalten. Die moderne Hirnforschung zeigt auch, dass sich Menschen in der Regel weder bewusst noch rational verhalten, sondern sich bei ihren Entscheidungen vielmehr durch emotionale Kriterien leiten lassen. In diesem Kontext hat die Farbe „Schwarz“, auch als Nichtfarbe bezeichnet, ein Alleinstellungsmerkmal mit einem immensen Bedeutungsgehalt, denn sie bildet eine Ausnahme. Schwarz ist, technokratisch ausgedrückt, die Bezeichnung für eine Helligkeitsempfindung, die beim Fehlen eines visuellen Reizes entsteht, also wenn die Netzhaut keine Lichtwellen im sichtbaren Spektrum wahrnimmt.

Und genau hier kommt die gewaltige Symbolkraft von Farben zum Tragen, denn gerade jetzt, wo Pandemie mit nationalen Interessen im globalen Umfeld das öffentliche Leben derart bestimmen und Schlagworte wie „Black Lives Matter“ und „Rassismus“ in einem Atemzug durch die Medien geistern, bekommt gerade die Farbe Schwarz eine neue Signifikanz. Schwarz ist urplötzlich kein harmloses Attribut, keine rein optische Beschreibung oder Wahrnehmung mehr, sondern vielmehr ein Zustand, der rassistische Animositäten ungeahnten Ausmaßes in sich birgt und hervorbringt. Schwarz und Rassismus sind quasi zu Synonymen mutiert, mit leider unvorstellbaren und verheerenden Folgen für Menschen, die sich nur aufgrund kultureller oder ethnischer Herkunft unterscheiden.

Was für ein Irrsinn, wenn man bedenkt, was die Menschheit, historisch gesehen, alles ertragen musste. Doch offensichtlich resultierte hieraus kein nachhaltiger Lerneffekt. Im Gegenteil, denn Worte wie Schwarzarbeit, Schwarzgeld, Schwarzbrenner, Schwarzfahren, Schwarzmalerei, Schwarzmarkt oder schwarzes Schaf sind bei uns durchweg negativ besetzt, obwohl hier objektiv kein Zusammenhang mit der Farbe besteht. Hier ist schwarz lediglich ein Synonym für illegales, weil unerlaubtes Handeln oder auch für etwas, was im Dunkeln beziehungsweise im Verborgenen passiert. Wie man unschwer erkennen kann, sind die Assoziationen zum Begriff „Schwarz“ sehr differenziert zu sehen, denn auch Begriffe wie arm, düster, undurchdringlich und Angst gehen damit einher und befördern Handlungsweisen in unbeschreiblichen Dimensionen und Szenarien.

Betrachtet man die Menschheitsgeschichte von den Anfängen auf dem afrikanischen Kontinent vor hunderttausend Jahren bis in die Gegenwart, so muss man konstatieren, dass die einzigartigen und kooperativen Fähigkeiten der Menschen dazu führten, einerseits zum Beherrscher des Planeten zu avancieren, aber auch die größte Bedrohung für den Planeten darstellen, denn der Mensch hat die Fähigkeit gleichermaßen schöpferisch wie zerstörerisch zu wirken.

Wir haben die Wahl, für welchen Weg wir uns entscheiden. Vielleicht helfen gerade in diesen Zeiten das Innehalten, Reflektieren, Nachdenken, Anerkennen, Tolerieren und menschenfreundliche Empathie diesen Weg zu ebnen, denn je mehr wir über einen Menschen wissen, desto schwieriger wird es, ihn nicht zu respektieren. Die Welt ist, wie die Menschen und das Leben an sich, schillernd, impulsiv, abstrakt, vielfältig, herausfordernd, überraschend, unberechenbar, facettenreich und zuweilen auch grausam und ungerecht – aber auch eine Herausforderung und eine große Chance und speziell hier bereichern Farben das Leben. Gerhard Kiermeier, Hockenheim

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