Leserbrief

Friedliches Zusammenleben Die Schizophrenie der Gesellschaft aufheben / Hass, Gewalt und Respektlosigkeit abbauen

„Unsere Aufgabe ist das Miteinander“

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Taten. Die meisten von uns kennen diese beiden Sätze. So oder so ähnlich. Nicht ganz so viele wissen, dass sie dem Talmud entstammen, einer Sammlung jüdischer Weisheiten, die fortsetzt, was in der Bibel grundgelegt war: die Suche nach dem Weg der Liebe zu Gott und den Mitmenschen.

Wer Beweise suchte, wie dringend wir einen solchen Weg brauchen, fand sie in ein und derselben Ausgabe der SZ. Auf Seite zwei warnte Werner Kohlhoff vor den Internetplattformen Facebook und Twitter, die wir so niedlich als „soziale Medien“ bezeichnen. Er nannte sie Hass-Arenen, die uns verführen und enthemmen, „Echo-Räume, in denen Gift und Galle gespuckt werden. Wer sich in sie hineinbegibt, verändert sich selbst. Und zwar nicht zum Guten.“

Als Konsequenz empfahl Kohlhoff, diese Medien Leuten wie Donald Trump, Erika Steinbach und Alice Weidel zu überlassen. Den Rechtspopulisten also. Mit ihnen muss unsere Gesellschaft auskommen, auch wenn sie ihre intoleranten, islamfeindlichen Gedanken in Worten des Hasses auf Schutzsuchende, auf gerechte, weltoffene Politiker und Mitbürger in die Öffentlichkeit tragen.

Am erschütterndsten jedoch sind die Taten, die aus dieser Wurzel entstanden sind: die belagerten und angezündeten Flüchtlingsheime, die Galgen mit den Namen von Politikern, die Hetzjagden, das unflätige Verhalten und und und. So sehr man sich davon distanzieren muss, so rechtfertigt es doch keinesfalls den brutalen Angriff dreier Männer auf den Bremer AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz (SZ, Seite drei). Wie es die Mitmenschlichkeit und der Anstand gebieten, wurde diese Tat auch von der Bundesregierung und den Vertretern der Bundestagsparteien verurteilt.

Für diese Worte des Mitgefühls bedankte sich der Bundessprecher der AfD Alexander Gauland freilich nicht. Er bezeichnete die Tat als einen „Mordversuch“ und als die Folge davon, dass die AfD immer wieder ausgegrenzt werde. Es reicht, der Mitmenschlichkeit der einen die Wehleidigkeit und die ungerechte Beschuldigung der anderen gegenüberzustellen, um herauszufinden, woran wir Deutsche leiden: Es ist eine geistige Spaltung, eine Schizophrenie. Denn gleichzeitig erfahren wir aus Umfragen, dass Hass, Gewalt und Respektlosigkeit zunehmen, obwohl wir sie ablehnen und überwinden müssen, um so zu leben, wie wir wollen.

Wie lässt sich das erklären? Liegt es am zurückgehenden „Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen“, an das unsere Verfassung appelliert? Wäre es möglicherweise sinnvoll, sich am Talmud zu orientieren und an der Bibel, die er fortführt? Die Bibel! Sie wurde vor über 2500 Jahren im Elend der babylonischen Gefangenschaft geschrieben und enthielt damals ein universal verständliches und beherzigenswertes Gebot Gottes an Abraham, den Vater aller Religionen: „Ich segne Dich – sei Du ein Segen.“ Das heißt: Gott, der die Welt geschaffen und uns Menschen geschenkt hat, beauftragt unseren geistlichen Vater und damit auch uns, die Welt und unser Zusammenleben im Geist seiner Liebe zu gestalten.

Diese Einstellung finden wir in allen Büchern der Bibel, in den Psalmen und vor allem bei Jesaja, dem wir die Hoffnung auf den Frieden verdanken und die Trauer über unsere Schwächen. Er hat uns den „Gottesknecht“, das heißt den Gottessohn, angekündigt, Jesus. Zu ihm bekennt sich trotz aller Krisen mehr als die Hälfte von uns Deutschen. Ebenso wichtig sollte sein, dass der Auftrag, ein Segen zu werden, von möglichst allen mitgetragen wird. Es ist eine unbegrenzte Aufgabe, die jeder nach bestem Wissen und Wollen ausfüllen sollte: fried- und liebevolles Miteinander und der Schutz der Umwelt würden uns zusammenführen und unsere gesellschaftliche Schizophrenie beenden.

Helmut Mehrer, Brühl

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