Leserbrief

Seniorenheim Es ist keine Bestrafung, wenn Bewohner in Quarantäne müssen, sondern nur der Schutz für alle anderen

Verantwortung statt Egoismus ist gefragt

Zu unserem Artikel „Missverständnis im Seniorenzentrum?“ wird uns geschrieben: Die anhaltend hohe Zahl an Corona-Neuinfektionen in Pflegeheimen muss unserer Gesellschaft Sorge bereiten, weil fast jede fünfte Person, die in einem Altenheim oder einer anderen Gemeinschaftsunterkunft wohnt und sich mit SARS-CoV-2 infiziert, stirbt, so der Präsident des Robert-Koch-Institutes, Professor Lothar Wieler. Daher gelten zur Sicherheit für Alten- und stationäre Pflegeheime bereits strenge Schutzmaßnahmen – für die Bewohner, für die Besucher, aber auch für das Pflegepersonal. Denn ein Corona-Ausbruch im Altenheim ist eine Katastrophe.

Erfreulich daher, dass das Seniorenzentrum Haus Edelberg in Neulußheim – im Gegensatz zu vielen anderen Pflegeheimen in unserer Region – Corona-frei ist. Umso mehr bin ich über den Zeitungsbericht vom 5. Januar mit dem Titel „Missverständnis im Seniorenzentrum?“ erstaunt und irritiert.

Das Ehepaar Roth, 90 Jahre alt, leben seit über einem Jahr im Haus Edelberg. Vor Heiligabend meldeten sie bei der Heimleitung ihren Wunsch an, Weihnachten zu Hause bei ihrem Sohn und ihren Enkelkindern verbringen zu wollen, um dort zu feiern. Die Dauer des Besuchs und die Anzahl der Feiernden nannte Frau Roth im Zeitungsbericht nicht. Vorab erlegte die Heimleitung den Weihnachtsrückkehrern eine zeitlich befristete Quarantäne auf, so Frau Roth. Das Haus Edelberg spricht von engmaschig überwachter Symptomkontrolle und temporärer Reduzierung der Kontakte. Wie immer formuliert, im Klartext: vorübergehende Isolierung von anderen Mitbewohnern zum Schutze aller. Wohlwissend um die nachträgliche Schutzmaßnahme, entschied sich das Ehepaar für die Weihnachtsfeier zu Hause und akzeptierte bewusst die damit verbundene Konsequenz.

Nach Rückkehr allerdings waren die Eheleute Roth über die vorab angekündigte Durchführung der Vorsichtsmaßnahme enttäuscht, erbost, ja sie empfanden die Separierung als Strafe und Frechheit, zumal sie noch aus Gründen der Hygiene vorübergehend aus Plastikgeschirr essen mussten, um bei der Terminologie von Frau Roth zu bleiben: Schließlich beschwerte sie sich bei der Schwetzinger Zeitung, die darüber ausführlich berichtete.

Das Verlangen der Heimleitung, nach Rückkehr zum Schutz aller Bewohner für sieben Tage auf dem Zimmer zu bleiben und dort versorgt zu werden, ist doch kein leidvolles Opfer. Nein, es ist keine Frechheit und schon gar keine Strafe. Verstößt die von den Weihnachtsrückkehrern beklagte Schutzmaßnahme gegen Recht und Gesetz oder gegen die Würde des Menschen? Oder ist das Verhalten vielmehr von Egoismus geprägt, der mit wachsendem Wohlstand in unserer Gesellschaft immer deutlicher zutage tritt?

Ja, es ist ein herbeigeredetes Luxusproblem, gemessen an den Einschnitten und Entbehrungen persönlicher und wirtschaftlicher Art, die die meisten Bürger unseres Landes erleiden müssen. Selbstständige bangen um ihre Existenzen, Arbeitnehmer fürchten um ihre Arbeitsplätze! Pfleger und Ärzte arbeiten bis zur Erschöpfung, mit dem Risiko selbst infiziert zu werden. Und die Billionen Schulden, die zur Bekämpfung der Pandemie und der sozialen Absicherung aufgewendet werden müssen, zahlen nicht wir, die Generation der Hochbetagten, sondern unsere Enkel und Urenkel.

Der Vorfall zeigt, dass es nicht ausreicht, die Menschen mit Appellen an die Vernunft durch die Krise führen zu wollen. Niemand ist immer und überall vernünftig. Menschen bewegen sich in den Grenzen dessen, was möglich und machbar ist und entscheiden sich nur selten freiwillig für den Verzicht. Da braucht es klare Ansagen und den Willen, Verbote durchzusetzen. Mehr Härte eben. Dann besiegen wir die Pandemie, aber nur gemeinsam.

Die oft überzogene Kritik am staatlichen Handeln macht es den Bürgern zudem einfach, ihre eigene Verantwortung im Privaten auf die Politik abzuwälzen, nach dem Motto: „Hätten Bund und Länder vernünftige Regeln gesetzt, wäre ich halt nicht in einem Pulk von Menschen den Berg hoch zum Rodeln oder auf den Königstuhl gefahren.“ Bei aller Ereiferung geht dabei eines unter: Jeder von uns ist Teil unserer Gesellschaft und trägt somit Verantwortung für das Ganze.

Rolf Heidemann,

Neulußheim

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