Leserbrief

Handwerk ohne Azubis Wenn nur noch Abitur und Studium zählen, dann fehlt der Nachwuchs für die Ausbildung

Verfehlte Schulpolitik ist der Grund

Es vergeht kaum eine Nachrichtensendung, in der nicht das Fehlen von ausbildungswilligen Schulabgängern bejammert wird. Die Industrie- und Handelskammern und vor allem die Handwerkskammern, die ausbildungswilligen Unternehmer, die Handwerker und fast alle Gewerbetreibenden jammern über das Fehlen geeigneter junger Leute, die sich beim immer stärker sichtbaren Fachkräftemangel ausbildungswillig zeigen.

Es ist schon jetzt absehbar, dass auch durch noch so hohe Zuwanderung dieser Fachkräftemangel nicht behoben werden kann. Wie auch? Unser Ausbildungssystem, das früher in aller Welt hochgelobt wurde, ist in den allerwenigsten Fällen vergleichbar mit der Ausbildung in den Teilen der Welt, aus denen die Zuwanderung erfolgt. Da können junge Leute mit Migrationshintergrund sich noch so geschickt anstellen und von Handwerker für Fleiß und Geschicklichkeit gelobt werden, die in fernen Landen erworbene Ausbildung ist im theoretischen Hintergrund nicht vergleichbar und die bürokratischen Hürden der Flüchtlingspolitik tun ein Übriges, um hoffnungsvolle Anzeichen gleich verblassen zu lassen.

Stellen wir die Frage, warum es bei unseren deutschen Schulabgängern oder denen mit Migrationshintergrund nach normal durchlaufender Schulzeit keine ausbildungswilligen oder gar -fähigen jungen Menschen fürs Handwerk mehr gibt?

Die Ausbilder beklagen das völlige Fehlen der früher so verachteten Sekundärtugenden wie Sorgfalt, Pünktlichkeit, Fleiß, Treue, Gehorsam, Disziplin, Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit, Ordnungsliebe, Höflichkeit und Sauberkeit. Wenn das so ist, dann brauchen wir uns nicht wundern, dass der Wille und die Freude am Ausbilden bei kleineren Betrieben zurückgegangen ist und erst heute unter dem Druck der Verhältnisse wieder auflebt.

Ich sehe in einer völlig verfehlten Bildungs- und Schulpolitik den Hauptgrund für die Misere! Nur noch höhere Schulabschlüsse haben in der Gesellschaft Geltung, Studierfähigkeit gilt als das Maß aller Dinge. Und wer wollte es jungen Menschen verübeln, wenn sie auf die Verlockungen nach akademischen Meriten hereinfallen? Ein weißer Kittel und der Schreibtisch verspricht mehr Attraktivität als der Blaumann und ölverschmierte Hände! Selbst die früher eher zurückhaltenden Länder Baden-Württemberg oder Bayern haben im Laufe der Jahre Zugeständnisse gemacht - oder auf Druck der Eltern machen müssen. Denken wir zurück an die 1960er und 70er Jahre: Die Schülerschaft dieser Jahrzehnte teilte sich auf in Hauptschule, Realschule und Gymnasium, wobei Realschule und Gymnasium durch die gezielte Auswahl über die obligatorische Aufnahmeprüfung meist Schüler hatten, die deren Niveau erreichten – von wenigen Ausnahmen abgesehen. Keine Schule musste um Schülerzahlen kämpfen und großzügige Zugeständnisse bei der Vergabe von Noten und Abschlüssen machen.

Ein Großteil der in der Hauptschule verbliebenen Schüler – und das waren damals die meisten – durchlief diese und wechselte danach ins Handwerk – mit gutem Erfolg. Viele Schüler nutzten die schon immer gegebene Durchlässigkeit des Schulsystems und die dualen Möglichkeiten zu mehr Qualifikation im Beruf und es dauerte nicht lange, da konnte bei Klassentreffen zur Freude der alten Lehrer festgestellt werden, wie viele Ehemalige ihre alten Lehrer wirtschaftlich weit überholt hatten. Handwerk hatte also schon immer goldenen Boden!

Einige erarbeiteten sich sogar den Zugang zur Hochschule und Universität – und erreichten akademische Abschlüsse und damit den Einstieg in eine völlig andere Berufswelt. Schon zu Beginn der 1970er Jahre stellte ein erfahrener Schulrat fest, dass etwa ein Drittel der Schüler die für sie falsche Schulart besucht! Welche Aussage würde so ein erfahrener Praktiker wohl heute treffen, wo das Gymnasium zur Regelschule geworden ist, alle anderen Schularten gering geschätzt werden und selbst die waghalsigsten bildungspolitischen Manöver mit Umbenennungen und abenteuerlichen pädagogischen Vorgaben keine Verbesserung hervorbrachten? Die Gymnasien klagen über teils völlig ungeeignete Schüler, die Realschulen bangen um ihre Existenz und die zu Gemeinschaftsschulen gewordenen Hauptschulen plagen sich mit einer Schülerschaft ab, die zu gar keinem Abschluss mehr geführt werden kann, zumindest zu keinem, der diese Abgänger fürs Handwerk attraktiv macht!

Wenn von Politikern die veränderten demographischen Entwicklungen für die Misere verantwortlich gemacht wird, dann ist das nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Wie lange mag es noch dauern, bis sich einer traut, die über viele Jahre verfehlte und ideologisch befrachtete Bildungspolitik als Verursacher zu nennen wie dies Josef Kraus, der frühere Lehrerverbandspräsident, seit Jahren in Veröffentlichungen tut?

Ulrich Kobelke, Plankstadt

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