Leserbrief

Debattenbeitrag im Wochenende Warum werfen Sie dem Hochschulsystem Schwindel vor, Frau de Nève? / Das deckt Schwächen auf

Völlig neue Konzepte sind notwendig – und Ideen

Den Beitrag von Frau de Nève finde ich exzellent, weil eine Hochschullehrerin in ehrlicher Form Widersprüche und Schwächen im System aufdeckt, unter dem hauptsächlich Studierende zu leiden haben. Es werden nicht nur Mängel in der technischen Infrastruktur beschrieben, sondern Kompetenzprobleme im technischen Know-how der Studierenden wirken gerade in der Corona-Pandemie höchst dramatisch – wie in einem Vergrößerungsglas betrachtet.

Allerdings hat die EG-Kommission schon vor Corona die Bundesregierung wegen mangelnder Investitionen auf dem Bildungssektor kritisiert. Wir müssen uns fragen, ob Studierende ebenso wie Schüler die Verlierer der Pandemiekrise werden und ob wir dadurch nicht unsere Zukunft verspielen.

Im „Spiegel“ vom 25. April gab es meines Erachtens eine sensationelle Titelgeschichte. Der Begriff Schulversagen wurde zum ersten Mal nicht zur Beschreibung der defizitären Lernleistung von Kindern verwendet, sondern so, wie das Virus die Schwächen unseres antiquierten Bildungssystem offenbart.

Frau de Nève weist auch auf die mangelnde Infrastruktur und Probleme der Didaktik hin. Da die räumliche Situation so prekär und die personelle Decke so dünn ist, sind Gruppenunterricht und andere kleinere Lerneinheiten nicht möglich. Die Sitzplätze in Seminarräumen und Vorlesungssälen bleiben ein umkämpftes Gut. Vorlesungen finden teils in riesigen Hörsälen statt, in denen Hunderte Studierende zur anonymen Masse werden. Auch in Seminaren und berufspraktischen Übungen sitzen 50 und mehr Studierende in viel zu engen Räumen. Unter diesen Bedingungen kann oft nur mit traditionellen Formen des Frontalunterrichts gearbeitet werden.

Die Studienergebnisse werden dann in umfangreichen Testbatterien ermittelt, wie ich es auch persönlich erleben konnte. Während eines pädagogischen Kongresses habe ich mich mit einem Studierenden über sein Fachgebiet unterhalten. Als ich aus Interesse eine spezifische Frage stellte, war die Antwort: Weiß ich doch nicht mehr, der Test ist schon lange vorbei! Vor diesem Hintergrund braucht man sich nicht über eine Lernstoffbullemie – Lerninhalte möglichst schnell reinziehen, beim Test auskotzen und vergessen – zu wundern.

Das Virus offenbart nicht nur die Schwächen im Hochschulbereich, auch bei Kindern, die sich auf den neuen Lebensabschnitt freuen, verstärkt es nach ein paar Jahren die negativen Erfahrungen. Nach der anfänglichen Begeisterung des Schulbesuchs schlägt die Motivation in Desinteresse um. Die Dankbarkeit, in die Schule gehen zu dürfen, von Kindern in Entwicklungsländern ist in unserem System oft nicht mehr vorhanden.

Im Umgang mit nachfolgenden Generationen zwingt uns die Corona-Krise zu neuen Denkmustern. Wegen des Distanzgebotes ist die Kasernierung in engen Räumen nicht mehr möglich. Verschiedentlich wurden schon Möglichkeiten thematisiert, im Freien zu lernen. In München wird schon ein Netzwerk deutschsprachiger Draußenschulen aufgebaut. In Ladenburg soll eine Draußenschule als Grundschule in privater Trägerschaft im Sommer 2021 den Betrieb aufnehmen.

Der Sachbuchautor Herbert Renz-Polster schlägt nach dem Ende der alten Pädagogik vor, neue Wege zu probieren mit mehr Freiheiten für Kitas und Grundschulen. Wenn man unter dem Distanzgebot Unterricht veranstalten will, ist die Entwicklung völlig neuer Konzepte nötig.

Anton Strobel, Brühl

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