Leserbrief

Brühl Helikoptereltern enthalten Kindern wichtige Erfahrungen vor / Verbote fürs Parken vor Schulen / Weniger ist mehr

Völlig verplante Gesellschaft

Z um Artikel „Elterntaxi fördert Kinder nicht“ (SZ, 5. Juli):

Den Appell am Ende des Artikels, den Kindern ruhig etwas zuzutrauen, höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Das Prinzip Elterntaxi entspricht dem Zeitgeist. Manche Eltern fahren selbst 300 Meter mit dem Auto zum Bäcker, um Brötchen zu holen. Ich erlebe manchmal eine besonders skurrile Performance beim Bäcker, wenn ein dem Schlankheitswahn verfallenes zierliches Wesen, top gestylt, aus seinem robusten SUV steigt. Die Zahl der Helikoptereltern, die ihre Kinder vor jedem Unbill des Lebens schützen wollen, ist im Zunehmen begriffen. Ihren Kindern werden wichtige Erfahrungen vorenthalten. Die Eltern bringen ihr Kind zur Schule und holen es zum Teil wieder ab, um es zum nächsten Termin beim Ballett oder Sport zu bringen. In das knapp bemessene Zeitraster müssen dann noch die Hausaufgaben reingedrückt werden. Ihr Kind soll ja bei der Flut der Schulleistungstests in unserem konkursreifen, staatlichen Bildungswesen erfolgreich sein.

Um ein Leben im Zeitgeist zu führen, fehlt den Menschen einfach die Zeit. Sie fehlt sowohl den Erwachsenen, als auch den Kindern. Effizienz hat Priorität: besser, schneller, größer, billiger. Für 29 Euro nach Mallorca oder zwei Tage Shopping in New York und ähnlicher Schwachsinn scheint für viele Menschen opportun zu sein. Die Fülle an Informationen auf dem Handy fördert das Suchtverhalten. Das Gespräch und die Dialoge zwischen Menschen verkümmern, die soziale Empathie nimmt ab. Wenn durch pflegeleichte Schottervorgärten Zeit gewonnen wird, wird diese für Kurse zum Thema Waldbaden erneut verplant.

Vorerst lässt sich die desaströse Parksituation vor Schulen nur durch Verbote eingrenzen. Wenn immer mehr Menschen zur Erkenntnis kommen, dass ein Weniger oft ein Mehr ist, könnte sich beim Parken vor der Schule auch etwas ändern.

Ein Weniger in dem vom Lehrstoff überbordenden Curriculum könnte auch zu einem Gewinn an Lebenszeit führen. Dafür müsste sich die Politik mehr engagieren und einen Perspektiven- und Paradigmenwechsel anstreben.

In der SZ vom 5. Juli schreibt Madeleine Bierlein in ihrem Kommentar: „Denn während die Politik noch über die Ausgestaltung des Digitalpakts diskutiert, haben Kinder und Jugendliche längst die Initiative ergriffen. Wissenstransfer erfolgt heute nicht mehr analog und entsprechend sind Lernvideos fester Bestandteil des Schulalltags. Was es braucht, ist ein bundesweites Bildungsportal, auf dem Schüler qualitativ hochwertige Videos finden.“ Ihren Kommentar in der SZ beginnt Bierlein so: „Wie war das noch einmal mit dem Satz des Pythagoras?“ Die geniale Formel a² + b² = c² hat mich schon immer fasziniert. Ich habe dazu viele Artikel für die Sparte „Kunst und Mathematik“ publiziert.

Am Ende dieser Beschäftigungsreihe bin ich zur Kreation „Pythagoras-Hunderter-Tower“ gelangt, die am Freitag, 13. September 2019, in der Villa Meixner in Brühl als Exponat aus Armiereisen ausgestellt wird. Den „Pythagoras-Hunderter-Tower“ gibt es aber auch als Fliesenkonfiguration auf Pausenplätzen und Schulhöfen. Er wird demnächst in der Schweiz und in einer neugegründeten Schule in Kenia zu sehen sein. Es wäre schön, wenn auch Kinder in einer Brühler Schule von so einem eleganten Schritt in die Mathematik auf ihrem Schulhof profitieren könnten.

Anton Strobel, Brühl

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