Leserbrief

Meinungsbildung

Von George Orwell bis zu Max Frisch

Etwa zur selben Zeit, als George Orwell seine Fabel „Farm der Tiere“ und seinen Roman „1984“ als Mahnung an die Menschheit schrieb, verfasste der Schweizer Schriftsteller Max Frisch sein Stück „Biedermann und die Brandstifter“ in der gleichen Absicht.

Es geht dabei um Herrn Biedermann, der alle Dinge hemmungslos zu seinem Wohlgefallen umdichtet, als zwei Brandstifter mit der Mitleidsmasche an seine Menschlichkeit appellieren, ihm die willkommene Rolle als Menschenfreund zuweisen und sich so in seinem Haus – im übertragenen Sinn in seine Gedankenwelt – einnisten.

Von seiner Ehrlichkeit restlos überzeugt, behauptet Biedermann, in den Benzinfässern auf seinem Dachboden sei nur Haarwasser. Biedermann fordert Menschlichkeit, Brüderlichkeit und mehr Vertrauen und ist beim Ausmessen der Zündschnur behilflich. Auf Kritik reagiert er trotzig, fühlt sich beleidigt und pocht auf sein Recht auf freie Meinungsbildung.

So macht er sich weis, er könne sich seine ungebetenen Gäste zu Freunden machen, lädt sie zum Essen ein, singt gemeinsam mit ihnen Lieder und hilft ihnen mit Streichhölzern aus. Zur Ehrlichkeit zu feige, landet er schließlich in der Hölle, wo er in der Überzeugung seine Unschuld beteuert, stets für das Gute gestanden zu haben.

Als er dann vom Teufel erfährt, dass der Himmel eine Amnestie für alle Sünder gewährt habe, die ihn jedoch ausnehme, kniet er dennoch nieder und erwartet trotzdem seine Rettung.

Jürgen Hanselmann,

Hockenheim

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