Leserbrief

Reiserschnittgarten in Hockenheim Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen zum Vorhaben in der Nähe des Insultheimer Hofes

Warum nicht etwas weiter weg?

Als Naturschutzverband stehen wir Sinn und Zweck eines Reiserschnittgartens grundsätzlich positiv gegenüber, da ein Reiserschnittgarten durch die Bereitstellung alter regionaler Obstsorten einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität leistet und somit auch im Interesse des Naturschutzes liegt! So lautet eine Passage auf der Internet-Website des BUND-Ortsvereins Hockenheimer Rheinebene. Leider enthält der mit "Aus Stuttgart 21 nichts gelernt" überschriebene "Reiserschnittgarten"-Artikel in der HTZ-Ausgabe vom 20. November keine Anzeichen, die auf dieses "Interesse des Naturschutzes" hindeuten könnten.

Kein Wort auch davon, dass ein Reiserschnittgarten gerade für die dauerhafte Erhaltung von Streuobstwiesen besonders wichtig ist. Woher sollen die jungen Pflanzen kommen, um abgängige Bäume zu ersetzen? Und auch kein Wort davon, dass für die zu rodenden Gehölze umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen sind. "Ersatz vorhandener Bäume durch unschädliche Baumgattungen, außerdem Verbreiterung der Grünstreifen" - so hat es Ministerialdirigent Hauck vom Ministerium Ländlicher Raum bei der Informationsveranstaltung am 10. Oktober im Hockenheimer Rathaus versprochen (HTZ berichtete!).

Leider müssen gemäß der Anbaumaterialverordnung die im Umkreis von 250 Meter zum Reiserschnittgarten stehenden vorhandenen Obstbäume (aus der Familie der Rosengewächse) gefällt werden. Dies ist bedauerlich. Sie können aber nicht bleiben, weil sie möglicherweise Pflanzenkrankheiten wie Birnenverfall, Apfeltriebsucht und Feuerbrand übertragen. Niemand investiert in einen Reiserschnittgarten, wenn solche Gefahren durch bedenkliche Nachbargehölze geradezu heraufbeschworen würden. Neu zu pflanzende unschädliche Baumarten ersetzen aber die zu rodenden Obstbäume.

Die Behandlung des Themas "Reiserschnittgarten" am 28. Oktober in der öffentlichen Gemeinderatssitzung hat hoffentlich zu einer Versachlichung der Diskussion beigetragen. Vielleicht überdenken auch die Hockenheimer Christdemokraten (siehe Artikel der HTZ vom 27. November) und die Sozialdemokraten (Artikel vom 28. November) noch ihre Positionen, wenn sie sich mit dem Thema intensiver und sachgerechter befassen.

Natürlich lässt sich infrage stellen, ob der Standort Insultheimer Hof für einen Reiserschnittgarten geeignet ist. Soweit bekannt, haben Experten zahlreiche andere Standorte innerhalb Baden-Württembergs geprüft und als nicht geeignet verworfen. Sollte mit Hilfe von Naturschutz-Organisationen auch dem Vorhaben im Insultheimer Hof letztlich die "Rote Karte" gezeigt werden, dürfte es in absehbarer Zeit in Baden-Württemberg keinen Reiserschnittgarten mehr geben. Zum Schaden des Naturschutzes und der Streuobstwiesen! Edwin Hanselmann, Hockenheim

Ich bin einfach sprachlos

Ich komme gerade von der Gemeinderatssitzung zum Reiserschnittgarten am Insultheimer Hof und bin einfach nur noch sprachlos - erst einmal!

Der gesamte Gemeinderat schien mir genauso empört wie ich über die Vorgehensweise der Verantwortlichen. Nun frage ich mich zum wiederholten Male, wer ist eigentlich der Verantwortliche für dieses ganze Projekt? Das Land? Dann frage ich mich, wer ist das Land? Sind wir nicht alle das Land? Sollten wir nicht bei solchen massiven Veränderungen mitbestimmen dürfen? Interessiert es unsere grüne Regierung eigentlich, was hier geplant wird?

Wer hat denn diese ganzen Expertisen erstellt und genehmigt? Welche Studien wurden durchgeführt und waren diese wirklich zeitlich ausreichend, um sich ein genaues Bild des Landschaftsschutzgebietes zu machen? Wer weiß denn Bescheid, wann und wo die Saatgänse landen und verweilen? Wer erfreut sich jedes Jahr aufs Neue über die blühenden Bäume und anderes Gehölz hier im Naherholungsgebiet Rheinbogen? Wir, die Anwohner, Besucher und Kenner dieses Paradieses.

Hier soll nun in naher Zukunft (in einem Umkreis von 500 Metern nichts mehr blühen - keine Obstbäume, Rosengewächse, Raps (keine Ahnung was noch alles). Warum habe ich immer mehr das Gefühl, hier ganz schön "veräppelt" zu werden? Ich bin immer noch guter Dinge, trotz der vielen Fragen, die immer wieder aufkommen, und hoffe für uns alle auf ein Happy End für die Natur!

Gabriele Müller, Hockenheim

Ex und hopp

Es ist für mich nicht zu fassen, mit wie wenig Sorgfalt eine grüne Landesregierung daran geht, einen Freibrief für die Anlage einer "Ex-und-hopp"-Pflanzung in einem Landschaftsschutzgebiet zu erteilen und dazu sogar noch Subventionen gewährt. Dieses Landschaftsschutzgebiet wurde in der Vergangenheit mit Landesmitteln ausgewiesen und läuft jetzt Gefahr, kurzfristigen Interessen geopfert zu werden. Kurzfristig, weil ein Reisergarten keine nachhaltige Pflanzung ist, sondern nur so lange gehalten werden kann, wie die Betreiber es schaffen, Pflanzenkrankheiten unter Kontrolle zu halten. Für diesen kurzen Zeitraum soll ein auf Nachhaltigkeit angelegtes Gebiet, das zahllosen Pflanzen und Tieren Nahrung und Lebensraum und den Menschen Erholung bietet, geopfert werden? Nicht mit uns.

Wie zu erfahren ist, musste der "Vorgänger"-Reisergarten in Weinsberg aus phytosanitären Gründen plattgemacht werden. Auf gut deutsch heißt das, dass die Pflanzenkrankheiten in dem Reisergarten nicht beherrschbar sind. Auch in dem noch existierenden Reisergarten in Bonn besteht dieses Problem. Das wissen die Betreiber und fordern deshalb die Entfernung der Obstbäume und aller Rosengewächse - allesamt Pflanzen, die Menschen durch ihre Blüten erfreuen und den Bienen und anderen Lebewesen Nahrung bieten.

Eine der gefürchteten Pflanzenkrankheiten ist der Feuerbrand. Dieser kommt jedoch überall vor, auch im Gras. Wozu also ein Entfernen der Bäume und anderen Rosengewächse? Damit kann der Zweck der Pflanzengesundheit nicht erreicht werden. Bedeutet das, dass dann alle bodendeckenden Pflanzen und Gräser ebenfalls vernichtet werden müssten? Die Betreiber sagen, es würden keine Pestizide eingesetzt. Wie glaubhaft ist diese Aussage? Angenommen, der Reisergarten würde wie geplant angelegt. In zehn Jahren müsste er aus den oben beschriebenen Gründen wieder aufgegeben werden. In Zeiten der Lokalen Agenda brauchen wir nachhaltige Pflanzungen. Das Projekt Reisergarten Hockenheim ist schlecht durchdacht und mit wenig Sorgfalt konzipiert.

Ich möchte nicht, dass für einen vorübergehenden Nutzen nicht wieder gutzumachende Folgen für Pflanzen, Tiere, Wasserschutz und Landschaft in Kauf genommen werden. Wenn ein Reisergarten tatsächlich gebraucht wird, muss dieser an einem Ort angelegt werden, an dem es nichts mehr zu zerstören gibt. Diese Orte gibt es (leider) auch.

Traudl Wöhlke, Hockenheim

Hiermit möchte ich einen Beitrag leisten zu einer einvernehmlichen Lösung des inzwischen recht emotional und polarisierend diskutierten Reisergarten-Problems. Seit der Baumzettel- und Klappkartenaktion von sehr besorgten Imkern Anfang November steht die angekündigte Fällung von bis zu 300 Obstbäumen im Fokus der Proteste.

Die zur Freude und zum Nutzen der Bevölkerung an den Zufahrtswegen zum Insultheimer Hof von Norden und von Osten stehenden Birnen-, Apfel- und Kirschbäume müssten deswegen zumindest teilweise entfernt werden, weil von ihnen eine bakterielle und/oder virologische Gefahr für die Reiser ausgehen könne (Phytoplasmen), so heißt es offiziell. Bei allen Standortüberlegungen sollte der Erhalt der sehr nützlichen (Bienen) und als Augenweide in der ansonsten kultursteppenartig anmutenden Landschaft sehr beliebten Streuobstbäume höchste Priorität haben. Andererseits wird ein Ersatz für die Weinsberg-Anlage gebraucht.

Reisergärten sind für die Produktion von sortenreinem, gesundem Kern- und Steinobst so unverzichtbar wie Rebzuchtanlagen in Weinbaugebieten. Nach vierjähriger Sucharbeit ist das zuständige Ministerium der Meinung, im "Hockenheimer Rheinbogen" das am besten geeignete Gelände für den Reisergarten mit den Abmessungen 300 x 250 Meter (7,5 Hektar) gefunden zu haben.

Nun ist aber in allen einschlägigen Berichten und Texten (Internet) von der Einhaltung eines "Schutz-Umkreises von 250 Metern" die Rede, der von möglicherweise befallenen und damit für die Reiser gefährlichen Gehölzen frei sein soll. Unverständlicherweise hat sich das Ministerium in einem stillen Alleingang für ein dreiecksförmiges Gelände direkt beim Hof entschieden. Da es gut 500 Meter entlang der westlichen Obstallee verläuft, sind die Bäume in einem Schutzumkreis von 250 Metern quasi Todeskandidaten. Wir haben uns nun gefragt, ob nicht auch andere Platzierungen von infrage kommen, in deren Schutzkreis sich keine eventuell gefährlichen Gehölze befinden.

Eine der in diesem Sinne geeignete Platzierung ist links von dem teilweise neu asphaltierten Fahrweg von Norden über den Gießgraben zur Obst-Südallee möglich. In einem Kreis mit Radius 400 Meter befinden sich keinerlei Gehölze. Dieses Gelände wird landwirtschaftlich genutzt. Auf den Gedanken, es könne sich hier um ein Naturschutzgebiet handeln, kommt man angesichts dieser Agrar-Kultursteppe nicht. Kostspielige virologische Untersuchungen und Gutachten kann man sich hier sparen.

Dass von der Behandlung von Reisern mit chemischen Schutzmitteln eine Gefahr für das Grundwasser ausgehen könnte, ist sehr schwer vorstellbar. Der Teil macht ja nur einen Mini-Bruchteil des umliegenden Naturschutz-Gebiets aus.

Ich möchte empfehlen, dass der Hockenheimer Gemeinderat die ministerielle Entscheidung direkt beim Hof mit aller Entschiedenheit ablehnt. Keinerlei Baumfällungen!

Man sollte sich aber hinsichtlich alternativer, ökonomisch und ökologisch vertretbarer, sozialverträglicher Platzierungen (Hofbewohner) kooperativ zeigen, in dem man den Plan zur Diskussion stellt.

Dr. Felix Conrad, Hockenheim

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