Leserbrief

Rassismus Die Diskussion ist wichtig / Wir sollten uns als Erstes selbst beobachten / Stoppen wir das Krebsgeschwür, bevor es weiter metastasiert

Was du nicht willst, das man dir tut . . .

Jeder kennt es und musste es bestimmt selbst einmal im Leben bitter und schmerzhaft erfahren wie es ist, ungerecht oder ungleich behandelt zu werden. Dieses unsägliche Gefühl, ausgeliefert zu sein, die Ohnmacht, sich nicht wehren zu können, diese Wut im Innern. Wie muss es erst denjenigen ergehen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion, Abstammung, Sprache, Behinderung, Herkunft oder Geschlechts tagtäglich oder in ihrem ganzen Leben solchen Situationen schmerzhaft, emotional, physisch und psychisch ausgesetzt sind?

Wo kommen diese Wut, dieser Hass, dieser Egoismus her? Was treibt Menschen dazu, anderen in irgendeiner Art ihr Leben abzusprechen, sie zu demütigen, sie Repressalien auszusetzen, zu drohen, ihnen Angst einzujagen oder gar sie zu töten? Liegt es an der Erziehung, Ichbezogenheit, Egoismus, Ignoranz, fehlender oder mangelnder Empathie, an Unwissen, ist es die Angst vor etwas Fremden, sind es Existenzängste, persönlicher Frust oder die manipulativen und negativen Einflüsse bestimmter Gruppierungen, die es verstehen, Gedanken fehlzuleiten um sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren?

Ich bin daher sehr dankbar, dass das vehement auftretende Problem Rassismus und Diskriminierung und ihre Folgen in unserer Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit, Interesse, Gehör und Beachtung findet und man ihm mittlerweile den Stellenwert beimisst, der notwendig ist. Da ist der Gastbeitrag „Wie äußert sich Alltagsrassismus in Deutschland“ von Boniface Mabanza (Ausgabe vom 11. Juli), aber auch der Leserbrief von Herbert Semsch „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan...“ absolut lesenswert. Eines vorweg. Es sollte niemand unter Generalverdacht gestellt werden. Aber wo fangen Rassismus und Diskriminierung an und wie kann ich ihnen begegnen? Dazu zwei Ansätze.

Erster Ansatz: Ich denke, wir müssen die möglichen Gründe zuallererst bei uns selbst suchen. Ich habe für mich die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, sein Denken und Handeln zu analysieren, ob es Sinn macht, zuerst einmal bei sich selbst hinzuschauen. Sich zu reflektieren und sich zu hinterfragen, ob auch ich mit meiner Einstellung und Äußerungen, wenn auch vielleicht unterschwellig und unbewusst, zu diesem Gesamtproblem beitrage. Diese Frage sollte jeder für sich ehrlich, selbstkritisch und unverblümt führen. Denn seien wir mal ehrlich – und da schließe ich mich auch nicht aus – haben wir nicht alle schon bestimmte Situationen erlebt, in denen wir selbst, sei es aus Angst oder fehlendem Mumm, nicht unsere eigene Meinung vertreten haben? Um nicht gegen den Strom zu schwimmen und um nicht aufzufallen. Haben wir nicht geschwiegen, obwohl es richtig gewesen wäre, sich aus der Sachlage heraus und mit humaner Sicht zu positionieren?

Ich muss mir auch die Frage stellen, bin ich bereit, mich für unsere demokratischen Freiheits- und Grundwerte einzusetzen und jeder Art von Rassismus und Diskriminierung entgegenzutreten und diese zu bekämpfen? Ist mir bewusst, dass die Würde des Menschen (und nicht nur meine) unantastbar ist. Und das gemäß Artikel 3 unseres Grundgesetzes: Niemand wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden und niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf? Gelingt es mir auch nur annähernd, das nachzuempfinden, was Menschen, denen Unrecht zuteil wird, erleiden und aushalten müssen?

Es ist eine Tatsache, dass der Mensch dazu neigt, andere für seine persönliche Situation, Misere (obwohl in den meisten Fällen selbst verursacht) oder Frust verantwortlich zu machen. Bin ich davor gefeit und frei? Jeder von uns sollte dankbar sein, dass er in ein Land hineingeboren wurde und darin leben darf, in dem Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichheit, Menschenwürde, Menschenrechte und Grundwerte hohe Güter sind, in dem kein Krieg und keine Verfolgung herrschen, indem er keinen Hunger leiden muss und in dem Rechtsstaatlichkeit gilt. Was für ein Glück. Zudem sollte sich jeder vor Augen führen, dass die Genforschung ganz klar bewiesen hat, dass es keine Rassen gibt, sondern der Begriff Rasse nur eine Erfindung von Menschen ist. (Siehe Bericht „Rassen gibt es nicht“ von Friedemann Schrenk in der Ausgabe vom 14. Januar.)

Zweiter Ansatz: Über die Themen Rassismus und Diskriminierung und ihre Folgen muss so früh wie möglich in unserer Gesellschaft aufgeklärt werden. Sei es in Familien, Vereinen, Kirchen, Gewerkschaften, Parteien und so weiter. Es ist ein Muss, sie als festen Bestandteil (eigenes Unterrichtsfach) in unseren Schulen zu installieren. Es sollte ein Erfahrungsaustausch stattfinden. Betroffene müssen gehört werden. Ihre Erfahrungen, Sorgen, Nöte und Anliegen dürfen nicht verharmlost, sondern müssen ernst genommen und es muss mit allen demokratischen Mitteln reagiert werden.

Aber auch Fragen mangelnder oder fehlender Integrationsbereitschaft und Kriminalität sowie deren Ursachen müssen offen angesprochen und dürfen nicht verschwiegen und tabuisiert werden. Mehr interkulturelle Veranstaltungen könnten zu mehr Verständnis beitragen. Auf jeden Fall muss ein offener, nicht fanatischer, ein ausgewogener, ehrlicher, vor allen Dingen nicht einseitiger und sachbezogener Dialog in unserer Gesellschaft geführt werden. Es müssen Antworten gefunden werden, damit wir ein friedliches und respektvolles Für- und Miteinander für die Zukunft erreichen.

Fazit: Stoppen wir dieses Krebsgeschwür, bevor es weiter metastasiert. Das Problem entsteht in den Köpfen. Suchen wir die Ursachen als Erstes bei uns selbst. Mischen wir uns ein, verteidigen wir unsere Grundwerte und Freiheitsrechte mit allen demokratischen Mitteln. Das sind wir nicht nur unseren Kindern schuldig, sondern auch jenen Menschen, die Hilfe und Schutz suchen. Vielleicht hilft schon der Satz: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“, um sich einen anderen Blickwinkel anzueignen.

Thomas Proft, Schwetzingen

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