Leserbrief

Klinikwesen Arbeitsverdichtung und Dokumentationszwang führen zu immer weniger Zeit / Leidtragende sind die Patienten

Wenn der Anspruch auf die Realität trifft

Durch Hygienemängel treten in Deutschland bis zu 600 000 Krankenhausinfektionen pro Jahr auf, wobei bis zu 40 000 Patienten daran sterben. Dass eine anonyme Anzeige hygienische Missstände am Mannheimer Uniklinikum an die Öffentlichkeit zerrte, wurde im letzten Leserforum als unkollegial und feige dargestellt, weil man dies besser intern hätte regeln sollen.

Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Wer die diversen Schlagzeilen über die Zustände am Uniklinikum aber richtig gelesen hat, dem ist nicht entgangen, dass es seitens des "Boden-Personals" nicht nur einmal Hinweise an die Vorgesetzten über die Missstände gegeben haben muss. Ob im Uniklinikum - wie in vielen anderen Institutionen in diesem unserem Lande übrigens auch - das Prinzip der drei Affen (nichts hören, sehen und sagen) als arbeitstechnischer Zeitgeist favorisiert wird, mag ich nicht beurteilen, aber anscheinend hat die Mängelkritik bei höheren Etagen nicht die nötige Aufmerksamkeit gefunden, was angesichts der oben genannten Zahlen umso erschreckender ist.

Dass hier also durch einen Whistleblower peinliche Informationen an die Öffentlichkeit gelangt sind, hat hoffentlich einen Aha-Effekt. Geschuldet sind solche Zustände allerdings in erster Linie den Sozialreformen diverser "Krankheitsminister", die die Ökonomisierung im Sozialwesen zum Wohle der Krankenkassen - aber nicht zum Wohl der Patienten favorisierten.

Wundert es da noch, dass dem letzten Gesundheitsminister Bahr nach seiner Vertreibung aus dem politischen Paradies eine Krankenkasse Asyl gewährt hat? Die marktorientierte Pflege im Minutentakt, ähnlich wie in einer Autowerkstatt, sowie Personalmangel führen zu massiver Arbeitsverdichtung und Arbeitshetze.

Gleichzeitig gilt es aber, den Schein zu wahren. Also wird Unangenehmes unter den Teppich gekehrt. Die Dokumentation, ursprünglich dafür geschaffen, um die Qualität der Versorgung zu verbessern, verkommt zu einem zeitfressenden Abhaken irgendwelcher Phrasen. Diese ganze Schönfärberei und das sich Verschanzen hinter wohlklingenden Worten oder Zertifikaten kommt einer Volksverdummung gleich.

Aber die Bürger haben schon lang begriffen, dass es beispielsweise alten Menschen nicht automatisch besser geht, wenn man ein Altenheim in ein wohlklingendes Seniorenheim umbenennt.

Herbert Semsch, Brühl

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