Leserbrief

Werde Genießer!

Wenn ich in diesen sonnigen Herbsttagen im Hemsbacher Weinberg spazieren gehe, dann kitzeln wundervolle Düfte meine Nase. Lauter süßliche Gerüche von Fallobst, von Äpfeln, Birnen und Zwetschgen und Traubenschalen. Der Duft der Natur reißt mich heraus aus den vielen „vordringlichen“ Dingen. Er zeigt mir, was in dieser Welt eigentlich real ist.

Bilder in den Medien oder die WhatsApp-Kontakte sind nicht real, sondern virtuell. Real ist das da draußen. Schöpfung feiern. Den Moment erleben, wenn der Geschmack einer Traube im Mund explodiert. Verweilen, auskosten, mit allen Sinnen. „Erntedank“ ist mehr als ein Danke für den gedeckten Tisch. Es ist ein Verweilen und ein Staunen über die Schönheit von Gottes Schöpfung. Ein Lobpreis Gottes, des Schöpfers, über seiner Schöpfung (Psalm 104). Und das können wir nur, wenn wir mit einem weit offenen Herzen diese Schönheit wahrnehmen, die uns etwas sagt über Gottes Schönheit.

Nichts ist verwerflich

„Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet“, sagt die Bibel im ersten Timotheusbrief (Kapitel 4,4-6). Wir Menschen haben das Vorrecht, die einzigen Wesen auf der Welt zu sein, die die Schönheit von Gottes Schöpfung im Dank und im Gebet zum Schöpfer aufsteigen lassen können. Das ist unsere Berufung als Menschen. Und wo immer wir das tun, tut es uns gut, kommt etwas in Ordnung.

Ich mache das so, dass ich auf solchen Spaziergängen meinem Gott erzähle, was ich sehe, rieche, und spüre, und wie schön das ist. „Es wird durch Danksagung und Gebet geheiligt“ – das bedeutet auch, dass ich das wertschätze, was ich wahrnehme. Es ist mir nicht egal. Dankbarkeit macht zum Genießer. Ein Genießer feiert die Schöpfung mit offenen Sinnen und Aufmerksamkeit, mit Wertschätzung – und vor allem mit Zeit. Man braucht nicht viel, sondern lange. Wer gehetzt ist, kann nichts genießen. Unsere westlichen Gesellschaften haben jedoch den Konsumenten erfunden. Der Konsument denkt bei dem, was er gerade konsumiert, bereits an das nächste, das er konsumieren möchte. Er braucht vor allem viel – immer noch etwas.

Zeit hat er beim Konsumieren eigentlich nicht, und auch Dankbarkeit spielt keine Rolle. Man kann den obigen Satz herumdrehen und dann offenbart er eine tiefe Weisheit: Ohne Danksagung und Gebet wird das, was Gott geschaffen hat, unheilig. Dann braucht man mehr und mehr, immer größer und schneller; was wir gestern hatten, ist heute schon nicht mehr gut genug.

Nachhaltig wirtschaften

Die Schöpfung, die in Undankbarkeit entheiligt wird, wird dadurch zerstört. Das ist das tiefe geistliche Geheimnis, das hinter dem Klimawandel steckt. Dann ist die Schöpfung nur noch Brennmaterial, für das alles Lebende weichen muss, wie wir es im Hambacher Forst sehen. Kein Politiker traut sich, die Wahrheit auszusprechen. Wenn wir unsere so unfassbar schöne Erde, dieses Kunstwerk des lebendigen Gottes, nachhaltig bewirtschaften wollen, müssen wir bescheiden werden.

Von Konsumenten zu Genießern der Schöpfung Gottes werden. Wird uns das unglücklicher machen? Ich glaube nicht, das redet sich unsere Konsumgesellschaft nur ein. Sei keine Nummer, sei ein Mensch vor Gott – werde Genießer!

Pfarrerin Gerrit Hohage,

Evangelische Gemeinde

Hemsbach

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional