Leserbrief

"Zigeunersauce" Umbenennung mit fadem Beigeschmack

Werden aus "Hamburgern" jetzt "Fleischküchle"?

Zur gerichtlich erstrittenen Umbenennung der "Zigeunersauce":

Da sich nicht nur Angehörige reisender Familien (ARF) durch den Namen eines Lebensmittels beleidigt fühlen könnten, schlage ich vor, folgende Lebensmittel gleich mit umzubenennen:

"Hamburger" sollten in Zukunft "Fleischküchle" heißen, "Berliner" sollten in "Krapfen mit Soße" umbenannt werden und "Amerikaner" dürfen nicht mehr in Gestalt von plattgedrückten Fladen mit schwarzer Schokoladenglasur dargestellt werden.

Für die bisherige "Zigeunersauce" schlage ich den einzig logischen Namen vor: ARF-Sauce. Dies ist die einzige aktuelle und politisch korrekte Bezeichnung für die Personengruppe, so kann sich niemand mehr beleidigt fühlen. Der Begriff "Zigeuner" ist aus dem staatlichen Sprachgebrauch bereits verschwunden, damit sich niemand von öffentlicher Hand beleidigt fühlen muss. Gleichermaßen wird der Begriff seit dem 15. Jahrhundert im deutschen Sprachraum verwendet, um auf romantische Weise von reisenden Familien zu sprechen, bei welchen es sich häufig um Sinti und Roma handelt. Glaubt nun tatsächlich jemand, dass Saucenhersteller ihre "Zigeunersauce" so nennen, weil sie ethnische Minderheiten beleidigen wollen, ebenso alle Gaststättenbesitzer, die "Zigeunerschnitzel" anbieten? Und was ist mit dem Jägerschnitzel? Auch die Jäger könnten sich diskreditiert fühlen, wenn man nach ihnen ein Stück Fleisch mit Pilzen benennt.

Fazit: Man kann nur froh sein, in einem Land leben zu dürfen, in dem die Menschen im Zeitalter von Terroranschlägen, Flutkatastrophen und Bürgerkriegen so sorgenfrei leben können, dass ihnen der Sinn danach steht, sich mit Themen von solcher Tragweite zu beschäftigen.

Daniel Stellberger, Schwetzingen

Probleme mal deliziös, mal delikat

Angefangen hat es mit dem Negerkuss (Mohrenkopf) und während der "Zigeunerbaron" auch weiterhin sein Publikum beglücken darf, soll der Zigeuner aus dem Universum der Küchen und Fertigsoßen verschwinden. Mir könnte es egal sein, ich geh' eh zum Griechen- und der hat kein "Sinti- und Roma-Schnitzel" - aber einen Hirtenspieß. Wenn ich den esse, bin ich dann ein Kannibale? Mal im Ernst: Glauben Sie, in Frankreich fordert jemand die bekannte Zigarettenmarke "Gitanes" (französisch für "Zigeuner") umzubenennen? Auch die legendären "Gipsy Kings" (Gipsy ist englisch für "Zigeuner"), selbst Roma, haben meines Wissens niemals über eine Namensänderung nachgedacht.

Ich denke, wir haben wichtigere Probleme, als darüber zu sinnieren, ober eine linguistisch gesäuberte Zigeunersauce weniger (geistige) Blähungen auslöst. Zum Beispiel hat SZ-Redaktionsleiterin Katja Bauroth vergangene Woche in einem erhellenden Kommentar ("Was Hänschen lernt") zurecht auf den vergleichsweise geringen Beitrag, den Deutschland in Bildung investiert, hingewiesen (gemessen am BIP) und dass über sieben Millionen Menschen hierzulande nicht richtig oder gar nicht lesen und schreiben können. Also fast zehn Prozent der Bevölkerung! Aber anstatt dass man mal richtig hinklotzt, verfährt man wie bei unseren maroden Straßen: Es wird geflickt, wenn es im Grunde schon zu spät ist: Man bietet Erwachsenen Alphabetisierungskurse in der Volkshochschule an, während an unseren Schulen der Etat gekürzt wird. Meines Erachtens ein Grund, weshalb Eltern pro Jahr 1,5 Milliarden Euro für Nachhilfe ausgeben.

Man hat über 50 Milliarden (!) für eine überflüssige Rechtschreibreform übrig und schmeißt Hunderte von Milliarden im Schnellverfahren den Bankern in den gierigen Rachen, aber Bildungs- und Sozialpolitik orientiert sich an der knappen Kassenlage.

Dazu passt eine Studie der Uni Jena, die ein vernichtendes Urteil über die Hartz-Reformen spricht: Das Stigma Hartz IV ist für die Betroffenen inzwischen vergleichbar mit dem schwarzer Hautfarbe im Süden der USA, heißt es da, und obendrein produziert die Hartz-IV-Logik das Gegenteil von dem, was sie leisten will: Sie erzeugt Passivität, wo sie Aktivierung vorgibt. Der Namensgeber dieser sozialen Entmündigung: ein von den Menschen entrückter Manager und verurteilter Verbrecher. Was ist das für eine Politik?

Herbert Semsch, Brühl

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