Leserbrief

Corona-Maßnahmen Schwetzingern das Adventstürchen vor der Nase zugeknallt / Sich das Menschsein nicht verbieten lassen

Wie Politik ihre Glaubwürdigkeit verspielt

Da hat die Stadt Schwetzingen mit ihrem „lebendigen Adventskalender“ einen echt guten Einfall, um etwas „kulturelle Erleuchtung“ in die düstere Zeit zu bringen, die ja sonst durch viel Vorfreude auf Weihnachten geprägt ist. Viel Zeit, Arbeit und Hingabe haben die Akteure investiert und von heute auf morgen wird ihnen das Adventstürchen vor der Nase zugeknallt, weil die neue Coro-na-Verordnung dagegen spricht.

Wie meinte der frühere OB von Hamburg und heutige Finanzminister Olav Scholz stolz bei der Eröffnung der Elbphilharmonie? „Alle Zivilisation ist nichts, wenn sie nicht in Kultur mündet.“ Wenn das so weitergeht, wird von der Kultur bald nicht mehr viel übrig bleiben.

Ähnliches gilt für andere Branchen wie beispielsweise die Gastronomie. Wenn bei 75 Prozent der Infektionen angeblich nicht klar ist, wo sie herkommen, wieso schießt man dann mit dem „Verordnungs-Schrot(t)“ wild um sich? Schließt beispielsweise Gastronomie und Fitnessstudios, während Sonnenstudios die ganze Zeit offen bleiben dürfen. Und zur Schließung des Schlossgartens, die die Redakteure der Schwetzinger Zeitung zurecht kritisieren: Warum lässt man nicht zumindest die Dauerkartenbesitzer rein?

Es würde an anderer Stelle entspannter zugehen. Einmal mehr verspielt die Politik grad ihre Glaubwürdigkeit und Akzeptanz. Wer keine stichhaltigen Argumente, keine echte Lösungsstrategie hat, der verschanzt sich hinter paradoxen Vorschriften.

Und wieso versucht unser Landesfürst Kretschmann ständig mit dem bayerischen Kollegen Söder in Sachen Corona zu wetteifern?

Der Lockdown wurde jetzt bis mindestens 10. Januar verlängert. Was die Lockerungen über die Festtage und den Jahreswechsel angeht: Die griechischen Gemeinden, die ihr orthodoxes Weihnachtsfest am 6. Januar feiern, profitieren genauso wenig vom Lockerungsprivileg wie die Juden, deren Chanukka (Lichterfest) vom Abend des 10. bis zum 18. Dezember dauert.

Da die Lockerungen in Baden-Württemberg nur vom 20. bis 27. Dezember gelten (im Gegensatz zum Beschluss der MP-Konferenz, der bis Neujahr gilt) dürfte mich an Neujahr nicht mal meine jüngere Tochter (und werdende Mutter) mit ihrem künftigen Ehemann besuchen, weil sie (noch) nicht zusammenwohnen und wir somit nicht wie erlaubt aus zwei, sondern drei Haushalten zusammenkämen.

Wenn man schon so konsequent sein will, stellt sich die Frage: Sind Lockerungen aus epidemiologischer Sicht aktuell überhaupt sinnvoll?

Übrigens: Wollte mich auch meine ältere Tochter, die in Schweden lebt, an Weihnachten besuchen, müsste sie in Deutschland einen Test für knapp 200 Euro machen und eventuell sogar in Quarantäne, obwohl sie bei ihrer Arbeitsstelle, dem Karolinska-Institut in Stockholm, einen kostenlosen Corona-Test machen kann. Der wird hier nicht anerkannt. Das ist ein Unding.

Genauso ein Unding ist, dass Merkel und Co. mir überhaupt vorschreiben, wer mich zu Hause wann besuchen darf. An der Wohnungstür ist Schluss für den „Schnüffel-Staat“! Der soll erst mal seine Hausaufgaben machen.

Wir hatten bis in den April hinein noch nicht mal genug Schutzmasken, obwohl das RKI schon 2012 vor einer Pandemie gewarnt hatte und erst jetzt diskutiert man über eine ausreichende Bevorratung und Strategie für künftige Pandemien.

Auch was Corona-Tests und die App angeht, rollen die meisten nur noch mit den Augen. Die Bürger haben das Herumgeeiere satt. Erst hieß es, die Schulferien beginnen früher, dann kam der Widerruf. Seit Anfang des Jahres können sich die Bürger im Grunde auf fast nichts mehr verlassen.

Wenn dann noch so Typen wie Karl Lauterbach, der „Corona-Bond“ der SPD mit der „Lizenz zum Reden“, wie Troubadix die Menschen mit seiner „Paniklyrik“ auf immer höhere Bäume und in den Wahnsinn treibt, wundert es mich nicht, dass es zu bizarren Vergleichen kommt. Aber wer vorgibt, sich aktuell wie Anne Frank oder Sophie Scholl zu fühlen, hat nicht nur Wahrnehmungsdefizite, sondern verharmlost natürlich die Verbrechen der Nazizeit.

Ich hätte nie gedacht, dass ich Angela Merkel mal verteidigen würde, aber die „Krönung“ ist doch der skurrile Vergleich des Infektionsschutzes mit dem Ermächtigungsgesetz! Denn in letzter Konsequenz wird Merkel damit auf eine Stufe mit Adolf Hitler gestellt. Das ist nicht nur abstrus, sondern man bewegt sich auf sehr dünnem Eis.

Hören wir damit auf, uns das Menschsein abzusprechen oder per Verordnung verbieten zu lassen.

Herbert Semsch, Brühl

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