Leserbrief

Der Rosenkranz Zum größten Gebet der Christenheit zusammenkommen / Er ist ein Geschenk der Muslime

Wie Religionen einander schätzen

Wer heute – am Beginn des dritten Jahrtausends – an den Anfang des zweiten zurückdenkt, stößt auf die Zeit der Kreuzzüge. Damals sind in mehreren Wellen christliche Adlige und ihre Helfer ins Heilige Land gezogen, um Jerusalem mit seinen heiligen Stätten aus den Händen der „Heiden“ zu befreien.

Die aber glaubten auch an Gott und hatten, um ihn zu verehren, eigene Gebete und Riten. Zum Beispiel die Meditation über die hundert „schönsten Namen Gottes“. Dabei ließen sie eine Kette mit hundert Perlen – türkisch: Tesbih, mit geschlossenen Augen – durch ihre Finger gleiten. Christen, die das miterlebten, waren beeindruckt von ihrer Frömmigkeit, erwarben solche Gebetsketten und nahmen sie nach Hause mit.

Als Ordensgründer Dominikus eine sah, begriff er, dass sie ein Geschenk der Muslime an die Christen sein konnte, wenn er an die Stelle der Gottesnamen Gebete setzte: das Glaubensbekenntnis, das Vater- unser und das Ave Maria. Damit schloss er eine Lücke im Gebetsleben der Klöster. Die Priester sangen 150 lateinische Psalmen, die Laienbrüdern und dem breiten Volk aber unverständlich waren. Sie sollten sich stattdessen ins Leben Marias und Jesu hineinversetzen. In seine Freuden, Schmerzen und Glorie, die er in je fünf „Gesätzen“ („Geheimnissen“) beschrieb. Diesen 15 Gesätzen fügte er jeweils zehn Ave Maria an. Zusammen also 150 Gebete, so viele wie die Psalmen der Kleriker.

Sie begleiten seitdem das Volk Gottes durchs Kirchenjahr: Der „freudenreiche“ fügt sich in die Advents- und Weihnachtszeit ein (Empfängnis Jesu, Besuch Marias bei Elisabeth, Geburt, Beschneidung/Aufopferung und Auffinden des im Tempel gebliebenen Jungen), der „schmerzensreiche“ in die Fasten- und Passionszeit (Trauer am Ölberg, Geißelung, Dornenkrönung, Tragen des Kreuzes und Tod).

Darauf beginnt mit dem Osterfest der Jubel des „glorreichen Rosenkranzes“ (Auferstehung, Himmelfahrt, Sendung des Heiligen Geistes, Aufnahme in den Himmel und Krönung Mariens). Der Rosenkranz verbreitete sich in der gesamten Christenheit.

1568 ergänzte Papst Pius V. das „Gegrüßet seist Du, Maria“ um die Schlussbitte. Vor ihr fanden die Gesätze einen sinnvollen Platz. Pius rief auch die Christen im Oktober 1571 zu einem Gebetsturm auf, als im jahrhundertelangen Krieg mit dem Islam eine Schlacht bei Lepanto nahe Korinth drohte. Nach dem Sieg wurde der Oktober zum „Rosenkranzmonat“ und der erste Oktobersonntag (seit 1913: 7. Oktober) zum Rosenkranzfest erhoben.

Und heute? Der Rückgang der Frömmigkeit im 20. Jahrhundert hat auch den Rosenkranz nicht verschont. Die Zahl der Christen geht zurück, die sich in die großen Gebete ihrer Religion einfühlen können und wollen. Das darf niemandem gleichgültig sein, denn aus ihnen fließt immer noch dieselbe Quelle von Trost und Kraft wie einst. Die Opfer des IS in Syrien haben vor ihrer Ermordung den Rosenkranz gebetet. Und Lech Walesa trug die Kette um den Hals, als er am 30. August 1980 den ersten Vertrag mit der kommunistischen Regierung Polens schloss. Wer ein Motiv sucht, den Rosenkranz zu beten, kann ihn als Symbol seines Lebens und die Perlen als Jahre ansehen, die er mit Jesus und Maria an sich vorbeiziehen lässt. Wenn wir heute um den Frieden zwischen Juden, Christen und Muslimen bitten, gibt uns der Rosenkranz einen Anlass, den Muslimen zu danken, die ihn vor Jahrhunderten uns geschenkt haben.

Beten kann man den Rosenkranz allein, aber viele Christen ziehen es vor, es in einer Gruppe zu tun. In Ketsch traf man sich während der beiden Sommermonate zum Gebet. Die Hockenheimer kommen fünfmal zusammen: werktags, 17.30 Uhr und freitags, 18.30 Uhr, die Reilinger dienstags, 18.30 Uhr und donnerstags, 9.30 Uhr. Und Brühl beginnt, nach einer halbjährigen Corona-Pause, wieder am 25. September, am Freitagabend 17.30 Uhr, vor der Heiligen Messe. Herzliche Einladung.

Helmut Mehrer, Brühl

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