Leserbrief

Erhaltung der Demokratie Gemeinsam die neuen Herausforderungen mit Vernunft angehen

„Wir“ muss für alle gelten

Archäologen, die Gräber aus der Steinzeit erforschen, wundern sich immer wieder, wenn sie zahlreiche Schädel mit Anzeichen tödlicher Verwundungen finden. Sie liegen so nahe beieinander, dass sie sich nur durch heftige Kämpfe zwischen Großfamilien erklären lassen. Damit beweisen sie die Existenz zweier uralter Einstellungen: der Neigung zur Gewalt und zugleich des Altruismus, die Bereitschaft, sich für andere einzusetzen. Die Menschen damals sind nicht einmal davor zurückgeschreckt, ihr eigenes Leben zu opfern, um ihre Verwandten und Freunde zu schützen. Sie haben ihre eigene Gemeinschaft verteidigt. Ihren Altruismus bezeichnet man daher als „parochial“, abgeleitet vom griechischen Wort für „(Pfarr-) Gemeinde“. Er trennt scharf zwischen der eigenen und fremden Gruppen, zwischen dem „Wir“ und dem „Ihr“ und wirkt wie ein kollektiver Egoismus. Nun tadeln wir den Egoismus in der Erziehung. Kinder müssen ihn überwinden und teilen lernen, um gemeinschaftsfähig zu werden. Und auf diesem Weg geben wir den „parochialen Altruismus“ von Generation zu Generation weiter. Die Wurzeln unseres sozialen Lebens liegen also in der ersten Kulturstufe. Auf der nächsten mussten dann unsere Vorfahren lernen, in Völkern und Staaten zu leben. Auch diesen Schritt haben die Heranwachsenden nachzuvollziehen, wenn sie in ihren Staat hineinwachsen. Ihr genetisches Erbe ist für die Menschen also ein Wegweiser, wenn sie in ihre Familien, und in ihren Staat hineinwachsen. Dessen Aufgabe ist es, nach innen eine Ordnung zu schaffen und zu erhalten.

Zugleich muss er sich nach außen in der Konkurrenz und den Kriegen der internationalen Politik behaupten. Doch in diesem Punkt hat sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Grundsätzliches gewandelt. Denkt man in großen Linien, hat Westeuropa das überlieferte Freund-Feind-Muster der Außenpolitik 1945 überwunden. An seine Stelle sind 1945 die UNO und seit 1950 offene Formen internationaler Zusammenarbeit getreten, die von den Staaten gemeinsam geregelt werden. Die Nato etwa und die Montan-Union, heute die EU. Diese Vereinigungen wirkten so attraktiv, dass nach dem Zusammenbruch der UdSSR, 1990, alle Staaten Osteuropas die Angebote beizutreten angenommen haben. Ab dieser Zeit ergab sich ein weiterer Wandel: das Internet und der Welthandel, die „Globalisierung“, haben die Bedingungen für das Leben der Menschen verändert. Grenzen sind weggebrochen, auch in unserem Denken. Jeder erlebt mit, was geschieht, und da „man verantwortlich ist für das, was man weiß“, entstehen neue Pflichten. Der Klimawandel, die Kriege und ihre Folgen sind Appelle an das Gewissen jedes Einzelnen.

Angesichts dieser Herausforderungen scheint es unvermeidbar, dass in unseren Demokratien neue Konflikte entstehen. Zusammengefasst: Menschen und ihre Staaten stehen vor schweren, die ganze Erde betreffenden Aufgaben. Sind sie fähig, ihnen gerecht zu werden? Die Demokratien sind zwar durch ihre Institutionen und ihre Gesetze gesichert. Sie brauchen aber auch das Engagement der Bürger. Die sind sich aber nicht immer einig! Mehr denn je spüren wir im öffentlichen Leben die einander oft widerstreitenden Gefühle der Menschen, den Lernprozess, der über den begrenzten Altruismus der Urzeit hinausführt. Zwischenbilanz: Es ist jetzt offenkundig, dass die ursprüngliche Haltung seit 1945 nicht mehr ausreicht. Ab 1950, und für Osteuropa ab 1990, nach dem Ende der UdSSR und mit dem Einsetzen der Globalisierung musste unsere politische Kultur um eine weltweit offene kooperative Orientierung erweitert werden, die alte reicht nicht mehr aus. Unser Verstand, der Sinn für Gleichheit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe muss die in tausenden Jahren gewachsenen Gefühle ergänzen und kontrollieren. Weil die ganze Erde bedroht ist, darf das „Wir“ nicht bei Familien und dem eigenen Staat stehenbleiben, es muss wie die wichtigsten Grundrechte – Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit – für alle gelten und darf niemanden ausschließen. Was aber finden wir vor? Wir sehen wohl, dass aus den Grundrechten das Gebot folgt, unsere Mitmenschen zu achten. Wir sehen aber auch Unzufriedene, die gegenüber Flüchtlingen und Fremden misstrauisch sind. Sie neiden den Flüchtlingen die staatliche Hilfe, fürchten, ihren Arbeitsplatz an die neue Konkurrenz zu verlieren, fühlen sich verunsichert und in ihrem sozialen Ansehen gefährdet. Das ist aber nicht alles: Ihre Ängste geben den Demagogen die stärkste Waffe in die Hand, das Schüren des aggressiven Selbstmitleids. So ist vielerorts eine Missstimmung, die in Aufmärschen zum Ausdruck kommt, bei denen Andersdenkende und Flüchtlinge beleidigt, angegriffen und verletzt werden.

Für alle, denen an der Erhaltung der Demokratie und der Menschheit liegt, kann es nur heißen: Da die drängenden Probleme global sind, muss die gesamte Weltgemeinschaft an ihrer Lösung beteiligt werden. Die, die dabei gebraucht werden, haben auch den Anspruch, in ihrer Würde geachtet und vor Rassismus geschützt zu werden. Die Vernunft muss unsere Gefühle kontrollieren. Nachhaltige Lösungen sind kurzfristiger Beruhigung durch Abhilfen vorzuziehen. Am besten in den Herkunftsländern der Flüchtlinge.

Helmut Mehrer, Brühl

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional