Leserbrief

Stimmungsbarometer Fachkräftebedarf der Unternehmen überholt die konservative Politik

Wirtschaft geht voran

Vor drei Jahren erlebten wir Deutsche eine Stimmung, die selten auf der Welt zu finden ist. Wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 herrschten gute Laune, Herzlichkeit und Verbrüderung mit Fremden. Die hielt aber nicht lange. Nach der Krise 2008 war innere Unzufriedenheit an ihre Stelle getreten. Sie wurde zwar durch eine weltweite Zusammenarbeit überwunden, doch mit dem Syrien-Krieg kam 2011 die nächste Belastung.

Wer Mitgefühl für dessen Opfer und für Vertreibungen empfand, litt von da an ohnmächtig unter der wachsenden Zahl der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. So baute sich ein Handlungsdruck auf, der das Engagement vieler Deutscher erklärte, als sich 2015 dazu die Möglichkeit bot.

Man erinnere sich mal an die Lage: Zigtausende Flüchtlinge irrten damals hungernd und ohne Bleibe über den Balkan und durch Ungarn. Ihnen wollte, ihnen musste man aus humanitären Gründen helfen. Und man durfte es, weil die Bundeskanzler Österreichs und Deutschlands entschieden hatten, niemanden abzuweisen.

Die Zahl der Ankommenden war gewaltig, doch die Welle der Hilfsbereitschaft ebenfalls. Sie ergänzte und ersetzte vielerorts den total überforderten Staat. Vereint in ihrer Hilfsbereitschaft, sammelten Christen und Menschen aus allen Schichten und Gruppen Geld, Lebensmittel, Hausrat und Kleidung. In den Städten, denen Flüchtlinge zugewiesen worden waren, stimmten sie sich meist mit den Verwaltungen ab, oft aber ging es besser ohne und manchmal sogar gegen sie.

Dieses ungeregelte, fröhliche Miteinander verlor an Aufmerksamkeit, als sich Feindschaft, vor allem gegen Zuwanderer aus der muslimischen Welt, breit machte. Diese Opfer von Elend und Kriegen wurden nun ein zweites Mal verfolgt. Neid und Missgunst wurzelten sich ein, gesät von der rechten AfD, die mit ihrer Ausländerfeindlichkeit viele Sympathisanten an sich zog.

Die wiederum stammten vor allem aus der Wählerschaft von CDU und CSU, die nun in eine Zerreißprobe gerieten. Die Christlich-Konservativen standen damit vor einer Gewissensfrage: Welche Möglichkeiten hatten sie, um die Abwanderung ihrer Wähler zu bremsen? Eigentlich hätten sie sich, getreu der Verfassung, für die Menschenwürde und die anderen Grundrechte einsetzen müssen. Ein kleiner, aber lautstarker Teil, die Führung der CSU, verhinderte dies jedoch. Er übernahm Schlagworte der AfD und stürzte die Gesamtpartei in einen dreijährigen Streit, in dem sie viel Ansehen und weitere Wähler verlor.

Dass Angela Merkel, die CDU-Vorsitzende, den Angriffen Horst Seehofers standhielt, schenkte den freiwilligen Helfern immer wieder neue Hoffnung. Und dank einer dritten Seite erfüllte sie sich. Während der drei Jahre ihres Streits waren die „Unions-Schwestern“ derart miteinander beschäftigt, dass sie das Kopfschütteln in der Welt der Wirtschaft nicht wahrnahmen. Die Unternehmen waren, fast klammheimlich, zu einer Kooperation mit den Flüchtlingsbetreuern übergegangen. Einerseits fürchteten sie im weltweiten Miteinander um ihren Ruf. Bürgerkriegsländer sahen sie für die Zeit nach den Kriegen als potenzielle Kunden an. Außerdem zeichnete sich schon nach der Krise 2008 ein wachsender Bedarf nach Fachkräften ab. Deshalb stellten die Kammern des Handwerks und von Industrie und Handel „Integrations“-Mitarbeiter ein. Und die lösten ihre Aufgabe überzeugend, indem sie bei den Mitgliedern für die Aufnahme von Flüchtlingen warben. Zuerst als Praktikanten und, bei Eignung, als Azubis.

Stellen, bei denen es an geeigneten deutschen Bewerbern mangelte, wurden durch fähige und motivierte Flüchtlinge besetzt: Bäcker, die in der Nacht, Maurer, die hart auf Baustellen arbeiten oder geschickte Kfz-Mechatroniker nahmen die Angebote gerne an. Und die Unternehmer und Kammern nutzten ihr Anhörungsrecht, um das Aufenthaltsgesetz zu ändern: Schon 2015 erhielten „nur Geduldete“ ohne Anspruch auf Asyl für eine dreijährige Ausbildung und zwei folgende Berufsjahre ein Bleiberecht.

Dieses Umgehen des an anderer Stelle verbotenen „Spurwechsels“ wollte Innenminister Seehofer in dem geplanten „Einwanderungsgesetz“ um jeden Preis abstellen. Er scheiterte – und die Freiwilligen hoffen, dass nach den drei plus zwei Jahren Aufenthaltsrecht so viele Fachkräfte gesucht werden, dass ihre Schutzbefohlenen bleiben dürfen und das Miteinander erhalten bleibt.

Helmut Mehrer, Brühl

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