Leserbrief

Werteunion Die Würde des Menschen ist unantastbar

Zu Abraham und zu Frieden zurückfinden

In der deutschen Verfassung, dem Grundgesetz, bilden die Menschenrechte das erste Kapitel. Nach ihm haben sich alle anderen zu richten. Der erste Satz lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Damit wird ein absolutes, unveränderliches Gebot festgelegt. Ein unverrückbarer Meilenstein. Alle haben ihn zu beachten. Insbesondere die Christen, für die „Menschenwürde“ erst in der „Nächstenliebe“ ihre Erfüllung findet. Viele von ihnen denken spontan an die Worte des Weltenrichters Jesus: „Ich war hungrig – ihr habt mich gespeist. Ich war durstig – ihr habt mich getränkt. Ich war nackt – ihr habt mich bekleidet. Ich war fremd – ihr habt mich aufgenommen.“

„Ja, nur mit diese Werten, schaffen und sichern wir den Frieden“, sind viele überzeugt. Aber die Werteunion enttäuscht sie grausam. Ihr Gründer Alexander Mitsch beglückt Partei und Mitbürger immer wieder mit neuen Sprüchen, die das Gegenteil aussagen. 2017 forderte er in Brühl, „die Masseneinwanderung rückgängig“ zu machen. 2018 verlangte er in Schwetzingen bei der Zurückweisung von Flüchtlingen sich als „wehrhafte Demokratie“ zu erweisen. Das klingt, als wären die Menschen, die aus Not und Krieg geflohen sind, eine Gefahr für Deutschland. Das war nie der Fall.

Selbst 2015 nicht, als die Bundeskanzlerin ihr „Wir schaffen es“ erklärte und eine Million Flücht-linge aufgenommen wurden. Wie ist das gelungen? Unser Staat und seine Bürger haben menschlich reagiert. Ungezählte Frei- und Gutwillige haben eine „Willkommenskultur“ geschaffen. Sie haben die langsam entstehenden staatlichen Stellen unterstützt, indem sie mit großer Freundlichkeit, unbegrenzter Fantasie und Energie die Schutzsuchenden betreut haben.

Die bis heute erkennbaren Erfolge dieses Engagements durfte 2015 niemand erhoffen: Deutschland konnte die Zahl der Aufgenommenen senken, zum Teil zähneknirschend, aber mit Maßnahmen, die der Menschenwürde entsprachen. Und wichtig war den Bürgern auch, dass der Anteil der in Lohn und Brot Integrierten schneller als erwartet gestiegen ist. Inzwischen ist ein Drittel von ihnen „steuer- und versicherungspflichtig“ beschäftigt.

Dennoch setzen Werteunion und ihr Vorsitzender ihre Kampagne fort. Vergangene Woche verlangte er nicht nur eine neue „Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik“. Nein, er forderte auch Angela Merkel zum sofortigen Rücktritt auf. Der einzig denkbare Grund: Er will sie für ihr Wort von 2015 bestrafen. Das freilich wird nichts daran ändern, dass ohne Menschenwürde und Nächstenliebe unsere Erde in eine alles zerstörende Katastrophe zu geraten droht. Mit Fremdenhass und Lieblosigkeit hat unsere Nation das brutalste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit auf sich geladen, den industriell durchgeführten Massenmord an den Juden, den Holocaust. Als er in den 1970er Jahren endlich im Unterricht behandelt wurde, erklärten Überlebende den Schülern: „Ihr seid nicht schuld an diesen Verbrechen, aber dafür verantwortlich, dass sie sich nicht wiederholen.“

Und diese Aufgabe wurde beispielhaft in der Willkommenskultur erfüllt. Dabei vermittelte der Geschichtsunterricht bei den den Frei- und Gutwilligen, Einsichten, für die sie dankbar sind. Ein junger Syrer, der hörte, Hitler sei der schlimmste Verbrecher der deutschen Geschichte, schüttelte den Kopf: „Aber Hitler ist doch ein Held.“ Ein Afrikaner kam aus dem Staunen über die Ermordung von 6 Millionen Juden nicht hinaus, fragte: „Aber was haben die denn gemacht?“

In der Hoffnung, dass ihm die Wahrheit hilft, Mitleid mit Juden und allen Opfern von Gewalt zu entwickeln, wurde er eingeladen, sich an einer Lesung über „Abraham in Auschwitz“ zu beteiligen. Wer Deutscher werden wolle, müsse die Aufgabe übernehmen, einen zweiten Holocaust zu verhindern.“ Das mag mancher als überzogen betrachten, aber es führt direkt an die Wurzeln der Religionen zurück. Selbst wenn man sich derzeit kaum vorstellen kann, dass Israelis und Palästinenser in Frieden leben, Boko Haram, IS und andere Terroristen Ruhe geben, am Frieden führt kein Weg vorbei. Alle müssen zu Abraham zurückfinden, dem Vater des Ein-Gott-Glaubens. Auch die Werteunion.

Helmut Mehrer, Brühl

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