Lokalsport

Interview Amelie Podbicanin (12) ist viertbeste Golferin der Welt unter den Gehörlosen / Sie erzählt von der Eröffnungszeremonie, dem anspruchsvollem Platz und Plänen

"33 000 Zuschauer im Stadion - ich hatte Gänsehaut"

Amelie Paloma González Podbicanin setzte bei den "Deaflympics", den Weltspielen der Gehörlosen, im türkischen Samsun ein Ausrufezeichen. Die erst zwölfjährige Golferin, die dem Gehörlosen-Sportverein Heidelberg 1954 sowie dem Golfclub St. Leon-Rot angehört, sicherte sich bei der Damenkonkurrenz Platz vier. Ihr Nationalmannschafts- und Clubkollege Allen John dominierte die Männerkonkurrenz (wir berichteten). Unsere Zeitung sprach mit Amelie, Vorjahresfünfte bei den Weltmeisterschaften und "Talent des Jahres 2016" bei der Sportlerwahl unserer Zeitung, über den tollen Erfolg, mit dem sie selbst jedoch etwas hadert. Immerhin war für sie Bronze zum Greifen nah . . .

Amelie, herzlichen Glückwunsch zu Platz vier bei deinem ersten olympischen Auftritt, das ist ein fantastischer Erfolg! Hast du den denn ein bisschen gefeiert?

Amelie Paloma González Podbicanin: Dankeschön! Gefeiert habe ich nicht so richtig, da ich ein wenig enttäuscht war über das Ergebnis des Matchplays mit Andrea Hjellegjerde aus Norwegen. Ich kenne Andrea von den Weltmeisterschaften in Dänemark, sie ist die amtierende Europameisterin.

Warst du aufgeregt vor deinem Auftritt bei deinen ersten ,Deaflympics'?

Amelie: Ja, schon. Bewusst wurde mir die große Bedeutung der Spiele aber erst bei der Eröffnungszeremonie im Stadion mit 33 000 Zuschauern. Dort mit dem deutschen Team und allen 4500 Athleten einzulaufen war unsagbar schön. Ich hatte Gänsehaut.

Wie empfandest du den Platz in der Türkei und die Spielbedingungen?

Amelie: Wow - der Platz stellte das Anspruchsvollste dar, was ich bisher gespielt habe. Designed als Links-Course direkt am Meer vom amerikanischen Architekten Kevin Ramsey ist er im Stil englischer, irischer und schottischer Golfplätze angelegt. Der Platz hat enge und hügelige Fairways, hohe Dünen rechts und links der Fairways, mitten auf dem Fairway roughbesetzte Hügel und wellige Grüns. Durch die Lage am Meer herrschen dort zum Teil Winde mit über 60 Stundenkilometern.

Deine Konkurrenz war recht jung, du jedoch mit Abstand die Jüngste. Empfindest du das eher als großen Nachteil oder birgt das auch Vorteile?

Amelie: Es bringt Vorteile und Nachteile mit sich. Aufgrund des jungen Alters habe ich in der Zukunft gute bis sehr gute Chancen auf eine Olympia-Medaille. Weiter positiv ist, dass ich so jung die Chance habe für Deutschland zu spielen, das macht mich stolz. Nachteil ist, dass ich noch nicht so viel Erfahrung habe, aber ich werde ja älter.

Mit der Top-Platzierung im Vorjahr bei der WM (5.) und nun Rang vier machst du der internationalen Konkurrenz ordentlich Dampf, die hat sicher noch mehr Respekt vor dir bekommen. Haben dir die Konkurrenten gratuliert?

Amelie: Ja, das denke ich auch. Im Matchplay gegen Andrea hatte ich gute Chancen, das Spiel zu drehen, da wurde sie sichtlich nervös. Es war eine gute und respektvolle Haltung unter den Spielerinnen. Die Siegerin Kaylin Yost hat mich zu meinem Auftritt beglückwünscht und war von meiner Leistung beeindruckt.

Welche schönen Begegnungen, vielleicht auch Freundschaften, konntest du in Samsun knüpfen?

Amelie: Mich hat vor allem gefreut, dass ich die Profi-Spielerin Kaylin Yost aus den USA persönlich kennenlernen durfte. Sie ist so nett und herzlich. Inspiriert hat mich auch die 16-jährige Inderin Diksha Dagar, die schon mit 14 Jahren die beste Amateurspielerin von Indien wurde.

Was steht als nächstes bei dir auf dem Turnierprogramm, welche Pläne hast du für die weitere Saison?

Amelie: Ich spiele dieses Wochenende die deutsche Meisterschaft für Golfer mit Behinderung in Hamburg mit. Vom 23. bis 26. August spiele ich die Europameisterschaft Deafgolf in England, im GC Ganton. Da bin ich schon sehr gespannt, da englische Plätze sehr anspruchsvoll sind. Ansonsten habe ich mein persönliches Handicapziel für diese Saison und dabei soll eine Fünf vor dem Komma stehen. Derzeit ist mein Handicap 6,7.

Abschließende Frage: Kannst du eigentlich deine Schulferien auch abseits des Golfplatzes genießen - und wenn ja wie?

Amelie: Meine Eltern bauen immer kulturelle Erlebnisse in unsere Golfreisen ein, so dass ich auch die Orte und Länder von einer anderen Seite kennenlernen kann. Darüber hinaus gehen wir schwimmen oder ich lese meine Lieblingsbücher. Außerdem treffe ich mich in den Ferien mit meinen Freundinnen. Es gibt immer wieder golffreie Tage, um aufzutanken. Ich bin ein ganz normales zwölfjähriges Mädchen.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel