Lokalsport

Schottland Das Leben auf den Äußeren Hebriden ist oft hart und rau wie das Wetter / Es hat aber auch seine ganz eigenen sonnigen Seiten

Wo es braust und schäumt

Archivartikel

Der Sturmwind faucht, seufzt und stöhnt – er dröhnt, er knallt, er wummert gegen die Fensterscheiben des Lochmaddy Hotels auf South Uist. Er jagt wirr eine Gänsehaut nach der anderen über die fahle, graue Oberfläche des vor Minuten noch ruhigen, tintenblauen Meeres hier vor den Äußeren Hebriden, wo Europa aufhört und nichts als Wasser ist bis hinüber nach Amerika. Die Wellen sprudeln und schäumen und schlabbern den Strand entlang. Ein scharfer, dünner Regen sticht ins Gesicht und durch jedes Knopfloch hindurch. Brillenträger chancenlos. Ein Aufenthalt draußen unmöglich. Die Schafe auf den Weiden kriechen hinter Findlinge oder drücken sich eng an schützende Trockenmauern. Es bleibt nur der Rückzug in die Hotelbar oder die Lounge.

Dort trifft man auf Leute, denen das Wetter ebenfalls einen gnadenlosen Strich durch die Tagesplanung gemacht hat: Die Fliegenfischer, noch in ihren über den Bauch gezogenen Latzhosen; die von Neopren umspannten Fahrradfahrer und die Wanderer in durchweichten, quietschenden Stiefeln. Die Kinder, die so gerne am Strand Muscheln gesucht hätten und jetzt mit ihren Eltern genauso gerne vor Spielesammlungen sitzen. Die Tische rund um die Theke sind belegt, die ersten Pints des Tages sind gezapft und das Gespräch in der Runde dreht sich ins Philosophische: „Ist es nicht ein schöner Gedanke“, fragt eine junge Engländerin, „und wäre nicht ein solcher Mensch sehr glücklich, dessen Freude über die ersten Vogelstimmen im Morgengrauen größer wäre als das Bedauern darüber, bald aufstehen und zur Arbeit gehen zu müssen?“

Der Sturm legt sich

Doch sobald der Sturm vorbei ist und die Sonne herauskommt, beginnen Meer, Fjorde und Seen zu funkeln und zu glitzern; das Grün der feuchten Wiesen scheint beinahe zu fluoreszieren; das Gelb des Ginsters und der Wasserlilien leuchtet zusammen mit dem Lila des benachbarten wilden Rhododendrons auf. Weiße, feine, beinahe endlose Sandstrände aus zu Mehl zerriebenen Muscheln laden zu Spaziergängen entlang des karibisch türkis leuchtenden Ozeans ein. Wer solche Stunden erlebt, kehrt lichtsatt und beinahe benommen von der Schönheit dieser Inseln, die hier im Atlantik vor Schottland liegen, in sein Nachtquartier zurück.

Es gibt abgelegene, mit grauen, faltigen Steinbrocken überschüttete Berghänge und Täler mit riesigen Findlingen, die so ursprünglich wirken, dass die Vorstellung, die umliegenden Vulkane könnten jederzeit wieder ausbrechen, nicht ganz abwegig erscheint. Doch wer es wagt, dort eine Anhöhe hinaufzuklettern, was auf dem überall sumpfigen Untergrund sehr mühevoll sein kann, wird mit überwältigenden Aussichten auf Bergpanorama und Meeresbusen belohnt. Und die in die Natur gebetteten Häuser und Bauernhöfe wirken aus der Ferne zu winzigen Weilern hin gewürfelt wie auf den grünen, spröden Teppich einer Spielzeugeisenbahn.

Inspiration für Komponisten

Der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy bereiste schon im Jahr 1829 die schottischen Highlands und die Hebriden. Dort inspirierte ihn die Natur zu seiner dritten Symphonie, die er in einer ersten Fassung bis 1832 vollendete. Die Allgegenwart des Wassers und des Steins, dazwischen karge grüne oder öde braune Pflanzenmatten; der ständige Wechsel und die Intensität des Lichtes, das Brausen des Windes und Wolkenungetüme, die nicht ziehen, sondern rasen – das alles übersetzt er in der Ouvertüre so authentisch in Musik, dass auch zuhörenden Laien die Hebriden als Sehnsuchtsort erscheinen. Die Grundmelodie schwebt frei wie ein Vogel getragen vom Wind.

Fischfang, Schafhaltung, und das eigene B & B, damit kommt eine Familie auf den Hebriden über die Runden. Um das Haus herum lagern die Hummerreusen, Bojen und Seile. Unten am Strand liegt der kleine Kutter. Neben dem Haus, auf eingezäunten Weiden, kauern und grasen die Schafe mit ihren hoppelnden Lämmchen. Im Haus kümmert sich meist die Ehefrau um die ein, zwei Zimmer, die an Touristen vermietet werden. Sie ist es, die morgens den Gästen das mit Früchten und Gemüse aus eigenem Garten bereicherte schottische Frühstück serviert.

Die schmale Inselgruppe der Äußeren Hebriden zieht sich über mehr als 200 Kilometer an der Westküste Schottlands entlang. Die Hauptinsel Lewis im Norden mit dem Städtchen Stornoway ist der geeignete Ausgangspunkt für eine Rundreise mit dem Mietwagen, der nach Buchung schon am Flughafen bereit steht. Es reichen zwei Wochen, um die Hebrideninseln Lewis, Harris, Uist und Barra gemütlich mit dem Auto zu erkunden. Da bleibt genügend Zeit, um immer wieder Besichtigungen, Wanderungen oder Sparziergänge einzuschieben.

Ausweichen, lächeln und weiter

Ein vorausschauender, kooperativer Fahrstil ist allerdings Bedingung auf den meist einspurigen, mit Ausweichbuchten gespickten Straßen. Wer ausweicht und das entgegenkommende Fahrzeug passieren lässt, wird stets mit einem freundlichen Gruß belohnt. Die Fähren zwischen Harris und Uist und zwischen Uist und Barra sollten unbedingt ein bis zwei Tage im Voraus gebucht werden. Es ist ratsam, die Unterkünfte mindestens ein halbes Jahr vor Reisebeginn zu kontaktieren.

Sehenswerte Schlösser, Kirchen und einzigartige prähistorische Relikte gibt es reichlich. Aber Vorsicht: Wer nicht enttäuscht werden will, muss auch in der besten Reisezeit im Mai, Juni und Juli wegen des unberechenbaren Wetters Geduld und auch ein wenig Leidensfähigkeit mitbringen. Die einheimischen Gastgeber jedenfalls, die Hebridians, versuchen ihren Gästen mit echter Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft den Aufenthalt in ihrer Heimat so angenehm wie möglich zu gestalten. Zum Wohlbefinden trägt zudem die auf Lammfleisch und Rindfleisch, Fisch und Meeresfrüchte basierende Küche auf köstliche Weise bei.

Als sich wieder einmal ein Tourist nach einem verregneten Tag beim Abendbier über das Wetter lustig macht, meint die weibliche Bedienung hinter der Theke in der Bar im Lochmaddy Hotel: „Ich mag den Regen und das Wetter hier. Wenn ich im Regen nach der Arbeit nach Hause gehe, fühle ich mich geschützt und sanft umgeben.“ Und so ist es wohl: Wer hier dauerhaft und auch zufrieden und glücklich leben will, muss die Umstände, die nun mal nicht zu ändern sind, lieben lernen.

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