Neulußheim

Reihe „Aktiv im Alter“ Pfarrerin Katharina Garben hält Vortrag zum Thema „Schlager trifft Kirchenmusik“ / Dem Zeitgeist nicht verschließen / Lieder schaffen Verbindung

Die Musik gibt Raum für Gefühle

Neulussheim.Schon Martin Luther war der festen Meinung, dass die Musik eine Gabe und ein Geschenk Gottes sei, das den Teufel vertreibe und die Herzen fröhlich macht. Daran habe sich nach Meinung von Pfarrerin Katharina Garben (Bild) bis heute wenig geändert: „Singen ist etwas ganz Menschliches und immer Ausdruck des Lebensgefühls.“ Lieder würden an den ersten Kuss, die große Liebe oder auch an den Tod eines Menschen erinnern. Sie seien Teil unserer Gesellschaft, setzten Gefühle frei und würden uns mit anderen verbinden, betonte die Referentin bei „Aktiv im Alter“.

Der Schlager sei mittendrin in der Gesellschaft. In den Kirchen habe der Schlager wenig Zugang. Stattdessen höre man Werke von Johann Sebastian Bach, Paul Gerhardt oder Jochen Klepper. Dem neuen Zeitgeist dürfe sich die Kirche heute nicht verschließen. In den derzeit in den Gemeinden stattfindenden Gottesdiensten seien die Predigten auf verschiedene Schlagersänger ausgerichtet und so manche Parallele finde sich im Glauben.

Pfarrerin Katharina Garben blickte in ihrem Vortrag auch auf die Zeit des Nationalsozialismus zurück, in der die leicht frivolen Texte der zurückliegenden Jahre ebenso verschwanden wie jüdische Musiker, etwa die Comedian Harmonists. Jüdische Komponisten und Texter mussten emigrieren, Interpreten wie Marika Rökk oder Johannes Heesters wurden für Propagandazwecke eingespannt.

Erinnerungen an alte Hits

In den 50er Jahren kam die leichte und eingängige Tanz- und Unterhaltungsmusik zurück, wobei dies nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Verbreitung der Schellackplatte und dem Aufkommen des Rundfunkbetriebs beeinflusst wurde.

Texte wie „Was macht der Maier am Himalaya“, „Mein Onkel Bumba aus Kolumba“ oder „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ waren beliebte Schlager. Einige der Senioren konnten sich auch noch an den Schlager „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ erinnern.

Zu Beginn der 60er Jahre begann die Reisewelle nach Italien, wo entsprechende Lieder die Sehnsucht weckten. („Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“). Seemannslieder hatten mit Freddy Quinn Hochkonjunktur. Ab den 70er Jahren wurden immer weniger Schlager gespielt, was sich aber in den 90er Jahren, ausgelöst durch eine Retrowelle, wieder änderte. Der Schlagermove zieht heute jährlich tausende Besucher in zahlreichen deutschen Städten an. Nach einer Umfrage mögen 55 Prozent der Bevölkerung deutschsprachige Schlager, was aber viele nicht gerne zugeben möchten, betonte die Referentin.

Ohne Musik ist keine evangelische Kirche denkbar. 300 000 Menschen singen aktiv in Kirchenchören, 7,6 Millionen Menschen besuchen Kirchenkonzerte. Aber was macht die Musik im Glauben? Wie auch beim Schlager steht die Musik in engem Zusammenhang mit den Gefühlen. Oft gibt es bestimmte Lebenssituationen, in denen bestimmte Lieder für uns wichtig geworden sind.

Religiöse Musik ermöglicht Menschen Begegnung mit Gott. Lieder aus dem Gesangbuch schaffen eine Verbindung innerhalb der Gemeinde. Auch Menschen, die nicht glauben, sagen, sie haben während des Hörens von geistlicher Musik eine besondere Empfänglichkeit für Religion. Aber auch weltliche Lieder findet man heute bei Trauer- oder Tauffeiern. Auch darauf müsse sich die Kirche einstellen. Kirchenmusiker und Organisten sind deshalb gefragt, sich ihnen auch unbekannten Werken zuzuwenden. Der Neulußheimer Organist Müller stehe allen Musikstilen sehr offen gegenüber.

Geschmack sei immer Geschmackssache, so Pfarrerin Garben. Kirchenmusik sei oft zu elitär und werde so zum Konfliktfeld zwischen Pfarrern, Kirchenmusikern und Gemeinden. Um die Verbindung zu verdeutlichen, hatte sie drei Lieder mitgebracht. „Fehlerfrei“ von Helene Fischer, die die menschlichen Schwächen besingt und dazu aufruft, vom Streben nach Perfektion abzusehen.

„Ein bisschen Frieden“

Eine der stärksten Sätze sei im Neuen Testament zu finden. Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Wer darf sich überhaupt ein Urteil über andere erlauben? Wer ist fehlerfrei, fragte die Pfarrerin.

1982 gewann die damals 17-jährige Nicole mit ihrem Lied „Ein bisschen Frieden“ als erste Deutsche den Eurovision Song Contest. Eine tiefe Sehnsucht drückt sich in diesem Song aus. Eine Sehnsucht, die angesichts der Kriege in dieser Welt nichts an ihrer Aktualität verloren hat. Das Lied spricht von Erfahrungen und Ängsten, die auch heute angesichts der furchtbaren Brutalität, mit der der „Islamische Staat“ mit Andersdenkenden und -glaubenden umgeht, bedrängende Aktualität haben. Zum Frieden finden wir persönlich oft nicht aus eigener Kraft. Frieden hat nicht nur mit unserer Beziehung zu anderen Menschen, sondern auch mit unserer Beziehung zu Gott zu tun.

Von der Entstehung des Liedes „So nimm denn meine Hände“ wird erzählt, dass Julie Hausmann, geboren 1826, als Missionarsbraut nach Afrika ging. Bevor es zur Ehe kam, verstarb ihr Verlobter und aus dieser Situation entstand das Lied. In diesem bitte sie, in die Führung Gottes zu vertrauen. In guten und schlechten Zeiten. Wir bleiben in seinen guten Händen, wenn alle anderen Hände uns loslassen müssen. Das ist unsere Hoffnung. Mit dieser Hoffnung lasse es sich leben, im Vertrauen auf Gott. Dem konnte Pfarrerin Katharina Garben zum Ende Ihres musikalischen Vortrags nur zustimmen. rhw

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