Neulußheim

Genuss und Genörgel

Archivartikel

Es ist eine der schönsten Veranstaltungen der Region – und eine mit einer wundervoll langen Tradition: Der musikalische Frühschoppen im Alten Bahnhof zieht seine Fans ganz regelmäßig in den Kulturgarten der Vier-Sterne-Gemeinde. Und dort wird musikalische Klasse geboten – egal ob für 20 oder wie am vergangenen Sonntag bei Olli Roth für 1000 Besucher. Diese Veranstaltung lebt von einer chilligen Open-Air-Atmosphäre, in die sich bisher alle Künstler perfekt eingefunden haben.

Bedauerlich allerdings, wenn auf der anderen Seite die Entspannung nachlässt, weil man am Getränkestand ansteht oder nicht die perfekte Sicht hat. Der „Frühschoppen“ ist kostenloser Musikgenuss. Kein Eintritt, kein Vorverkauf – niemand kann wissen, wie viele Fans sich am Sonntagmorgen einstellen. In diesem Überraschungsmoment, der untrennbar zum Konzept gehört, kann man sich weder auf einen Ansturm der Tausend vorbereiten, noch kann der Garten größer gemacht werden als er ist.

Wenn dann aber Schläge angedroht werden, weil durch die Platznot stehende Besucher die Sicht versperren, ist das Maß des Hinnehmbaren überschritten. Zumal das ausgerechnet bei Olli Roth, der genial singt und virtuos Gitarre spielt, aber nicht eben bekannt ist für seine extravaganten Moves und seine aufreizende Bühnenshow, auch noch doppelt überflüssig ist.

Stänkerer konterkarieren das Konzept des musikalischen Frühschoppens ebenso wie Oberknauser, die sich ihre Getränke selbst mitbringen. Was die Veranstalter erwarten dürfen, ist die richtige Geisteshaltung, mit der sich die Besucher mal auf ein lauschiges Konzert im kleinen Kreis, mal auf ein Mega-Event einlassen. Dafür rackert sich das Kulturtreff-Team ab, schleppt Stühle, sorgt für Getränke, backt Kuchen und verkauft Würstchen. Und fährt notfalls nach Hause, um die privaten Getränkevorräte auch noch anzukarren. Mitmachen heißt auch Dankbarkeit für die ehrenamtlichen Helfer, die diese Veranstaltung erst ermöglichen. Wer sich auf diese unkomplizierte, manchmal im Ansturm auch provisorische Art, Musik zu genießen, nicht einlassen will, der soll Zuhause bleiben. Weil er dann auch nicht zu „Sekt, Bier & Musik“ passt.

Der musikalische Frühschoppen ist eine Frage der Haltung. Wenn man sie mitbringt, bekommt man im Zweifel für lau ein tolles Musikerlebnis. Wenn nicht, fällt man nur unangenehm auf zwischen den entspannten Gästen. Die wollen Genuss, nicht Gemecker.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker überregional