Neulußheim

Ortsgeschichte Heinz Schmitt erinnert sich an die Historie des Hauses Hockenheimer Straße 39 / Fahrradwerkstatt und Mietwäscherei waren untergebracht

Klo und Bad suchte man hier einst vergebens

Neulußheim.„Was isch’n do so laut?“ Schon vom Nord-Kreisel her hörte Heinz Schmitt den Lärm. „Die reiße jo s’Fachwerkhaus vum Fahrrad-Müller ab!“, rief er aus. Er hatte Recht, denn das Haus war unbewohnt und die Bausubstanz des Gebäudes in der Hockenheimer Straße 39 war alt und entsprach dem derzeitigen Wohnstandard nicht mehr. Dennoch schade, dass es nicht renoviert und erhalten bleiben konnte. Ein weiteres Stück Neulußheimer Geschichte ist damit verschwunden.

Heinz Schmitt, der als Heimat-kundler die Ortsgeschichte wie kaum ein anderer kennt, hat die Historie dieses Hauses und seiner Familien Gottfried und Müller ausgegraben. Ein Schicksalsschlag war der Tod Georg Heinrich Gottfrieds und seiner Ehefrau Dorothea, die im März 1914 innerhalb von vier Tagen plötzlich verstarben. Sie hinterließen acht Kinder – und das Haus Hockenheimer Straße 39.

Der älteste Sohn Anton, geboren am 10. Februar 1862, wanderte im Jahr 1888 nach Amerika aus und gründete in Philadelphia eine berühmte Orgelpfeifenmanufaktur. Anton Gottfried war ein erfolgreicher Geschäftsmann in Florida. Er starb am 10. Oktober 1954 und ist in Pennsylvania beerdigt. Seine Firma besteht übrigens noch heute. Zurück zu seinem Elternhaus, das seiner Schwester, Friederika Müller, geborene Gottfried, als Miterbin zugeteilt wurde. Diese hatte mit ihrem Ehemann Georg Müller zwei Söhne: Philipp, der früh verstarb, und Heinrich, genannt „Miller Hoiner“.

Heinz Schmitt, der seine Kinder- und Jugendjahre vis à vis von Miller Hoiner’s Haus verbrachte, erinnert sich noch heute genau an die damaligen Örtlichkeiten. Er beschreibt die Räumlichkeiten des vor kurzem abgerissenen Gebäudes als „armselisch“. Die Bewohner lebten in engen, spartanischen Verhältnissen, ohne Klo und Bad, und mit nur einer Wasserstelle auf dem Flur. Die Mietwohnung im Obergeschoss war lediglich über eine Außentreppe erreichbar, allerdings mit einem Fenster und freiem Blick auf den Speyerer Dom.

Unten, im Innenhof, standen zwei Nebengebäude, in welchen sich die Werkstatt von Mechanikermeister Heinrich Müller für Fahrradreparaturen und Spenglerarbeiten befand. Nah dabei waren auch zwei Plumpsklos, für alle Bewohner des Hauses und später auch für die Benutzer der dort befindlichen Wäscherei. Der Verkaufsraum für Fahrräder und Nähmaschinen, ein vertrautes Bild für die Neulußheimer, befand sich indes im Erdgeschoss des Vorderhauses.

Mit dem Auto die Böschung hinab

„Waasch was, mir zwaa baue uns selwa ä schä Auto! Des werd aa net so deia“: So oder so ähnlich könnte der Miller Hoiner zu seinem Vetter August Scheibel, es war laut Heinz Schmitt im Jahr 1906, gesagt haben. Gesagt, getan. Mit dem neuen Gefährt wurden die beiden über die Grenzen Neulußheims hinaus bekannt. Die Jungfernfahrt war relativ kurz. Die beiden fuhren durch die Hockenheimer Straße in Richtung Waghäusel. Die Fahrt fand jedoch ein jähes Ende. Am Bachbuckel, ungefähr einen Kilometer nach dem Ortsende, stürzte das Auto die Böschung hinab – und verbrannte. Das Spottlied, das die beiden Autobauer jahrelang verfolgte, hatte folgenden Mundart-Text: „Ooh Miller Hoiner, ooh Scheiwel Auguschd, eier Audo isch da Bachbuckl nunnergrutscht. Es isch vabrannt am Sauhertsstrand, nischd weit vun eierm Hoimatland.“ Der Miller Hoiner steckte das alles weg, er liebte Autos und blieb ihnen verbunden, indem er mit Beginn des späteren Autobooms vor dem Fahrradgeschäft eine Tankstelle einrichtete.

Neben der Fahrradwerkstatt im Innenhof befand sich eine Mietwäscherei. Sie wurde von den Neulußheimer Hausfrauen gerne genutzt. Zwei riesige Waschtrommeln standen im ersten Raum. Das Ab- und Brauchwasser lief in eine Sickergrube am Ende des Gartens. Das Gewerbeaufsichtsamt fand bei einer Betriebsbesichtigung 1930/1931 lediglich „nur geringfügige Beanstandungen“. Im zweiten Raum nebenan standen große Bügelmaschinen, an welchen Hausfrauen die im großen Außengelände inzwischen getrocknete Wäsche bügeln konnten. Ehefrau Eva Müller kassierte die Gebühren für den Gebrauch der Maschinen, bis die Neulußheimer sich eigene Waschmaschinen leisten konnten und die Mietwäscherei geschlossen wurde.

Heinrich Müller war gesellig und auch Mitbegründer des Fußballvereins „Olympia“ 1911. Mit seiner Ehefrau Eva hatte er zwei Söhne – Willi und Alfred. Der ältere Willi, geboren 1919, blieb unverheiratet und übernahm nach einer Kaufmannslehre in Mannheim als letzter der Müller-Familie die altbekannte Fahrradhandlung. Der jüngere Sohn Alfred, geboren 1923, heiratete Friedel Deutsch aus Brühl, deren gemeinsamer Tochter Petra heute das Anwesen gehört. Heinz Schmitt erinnert sich, dass Willi im Müllerschen Haus später auch einen Kolonialwarenladen betrieb. Bis zu seinem Tod im Jahre 2005 hatte er das Familiengeschäft inne.

Spuren des Krieges

Auch der Krieg hat seine Spuren in dem Haus hinterlassen. Der Ortshistoriker Heinz Schmitt erinnert sich an die Osterwoche des Jahres 1945, als französische Artillerie, die ihren Standort in Speyer hatte, Neulußheim beschoss. Eine Granate traf und beschädigte das Müller’sche Haus. Eine zweite schlug vor dem Haus Nummer 46 gegenüber auf die Bordsteinkante auf und explodierte. Die entstandene Splitterwirkung konzentrierte sich nach rückwärts und traf die Fassade des Müller-Hauses. Personen mussten keine beklagt werden. Ein Geschütz der deutschen Wehrmacht war im Garten des Hauses Nummer 39 stationiert, kam jedoch nicht mehr zum Einsatz, da am Ostersonntag, 1. April 1945, die weiße Fahne auf dem Kirchturm der evangelischen Kirche gehisst und Neulußheim kampflos den französischen Truppen übergeben wurde.

Der Abriss des Hauses in der Hockenheimer Straße 39 im Spätjahr 2018 besiegelte die Geschichte dieses zweigeschossigen Fachwerkhauses. Die dadurch entstandene Baulücke wird derzeit durch die Erstellung eines Werkstattgebäudes und einer Garage wieder geschlossen.

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