Neulußheim

Haus Edelberg Dorothea Anzt feiert heute ihren 100. Geburtstag / Vom Sudetenland nach Neulußheim gekommen / Feier im Kreis der Familie

„Wer Maß hält, kann ein langes Leben führen“

Archivartikel

Neulußheim.Heute liegt ein strahlendes Lächeln auf den Lippen von Dorothea Anzt. Um sie herum werden Stimmen schwirren, die gemeinsam ein „Hoch soll sie leben“ anstimmen. Viele Hände werden die ihre umschließen und fest drücken als Zeichen des Dankes und des Respektes. Die Geburtstagstorte wird sage und schreibe 100 Kerzen tragen. Ein Freudentag für die Frau, die heute ihre Neffen, deren Kinder und Kindeskinder um sich scharen wird. Zugleich auch ein Zeichen dafür, was ihr wirklich am Herzen liegt. „Die Familie ist wichtig“, betonte Dorothea Anzt, als unsere Zeitung sie einen Tag vor dem großen Jubelfest besuchte.

100 Jahre lang trägt sie diese Liebe nun in ihrem Herzen und hat dabei selbst auf eine eigene Familie verzichten müssen. Doch ihre vier Geschwister haben frohe und liebevolle Nachkommen hinterlassen, die mit ihr gemeinsam den Lebensweg gehen. Der begann vor einem Jahrhundert, am 6. Juni 1918. Ein Donnerstag war es, als in einem kleinen Bauernhaus im Sudetenland die kleine Dorothea ihren ersten Schrei tat.

Noch tobte der Erste Weltkrieg, doch ihre Eltern gingen weiter dem Broterwerb in der Landwirtschaft nach. „Nahe der Grenze zur Oberpfalz wohnten wir“, erinnert sich die Seniorin noch gerne. Als jüngstes Kind war es ihr vergönnt, eine gute Ausbildung zu absolvieren. „Ich wurde Lehrerin“, erzählt sie. Zeichnen und Hauswerk, Handarbeiten und Sport gehörten zu den Fächern, die sie in ihrer Heimat unterrichtete. „An unterschiedlichen Schulen“, erinnert sie sich, „da musste ich oft lange Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad hinter mich bringen.“

Beschauliches Leben zerstört

Das Leben auf dem Land wurde jäh unterbrochen, als der Zweite Weltkrieg über die Nationen hereinbrach und auch ihr den künftigen Ehemann entriss. „Damit blieb ich alleine, war nie verheiratet“, so Dorothea Anzt, die zu dieser Zeit bereits als Schulleiterin arbeitete. Ihre Familie musste fliehen. „Ich erinnere mich noch gut, wie meine Mutter jedes einzelne Vieh im Stall umarmte und sich verabschiedete.“

Dorothea Anzt trägt noch immer die Trauer um die verlorene Heimat im Herzen. 50 Kilogramm Gepäck hatten sie dabei, zwei Tage lang reisten sie im fensterlosen Viehwaggon. Dann waren sie in Karlsruhe angekommen. „Dort haben sie uns als Zigeuner bezeichnet“, erinnert sie sich, „wir haben schon allerhand mitgemacht.“ Ihre nächste Station war Graben-Neudorf, da war sie knapp 30 Jahre alt und ohne Perspektiven. „Ich konnte zunächst nicht arbeiten“, erklärt sie die damals übliche Routine der Behörden.

Dann aber ging es nach Krautheim, wo sie als Lehrerin begann. Zwei Jahre lang gab es kein Geld, da musste sie sich strecken und sich freuen, wenn ihre Schüler ihr etwas zu Essen zusteckten. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“ – es huscht dennoch ein Lächeln über ihr Gesicht. Ihre Leidenschaft für den Beruf führte sie anschließend sogar nach Mannheim. Dort gefiel es ihr sehr gut. Der Wasserturm, die Planken – noch heute schwärmt sie von der eleganten Atmosphäre der Stadt.

Erst im Alter zog sie nach Neulußheim ins Haus Edelberg, wo sie gerne ist. Denn hier kümmern sich viele um sie, die sie sich stets um ihre Geschwister kümmerte, auch wenn sie selbst die Jüngste war. Heute leben alle nicht mehr, aber die Kinder ihrer Geschwister bereiten ihr Freude, „die haben es alle zu etwas gebracht und führen ein gutes Leben.“ Selbst zum 100. Geburtstag wünscht sie sich daher konsequent nicht Gesundheit für sich selbst, sondern für die Angehörigen.

Wer Maß hält und sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellt, findet sie, der führt ein gutes Leben und hat gute Chancen, ebenfalls den 100. Geburtstag zu begehen. Wir wünschen ihr alles Gute und viel Gesundheit!

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