Neulußheim

Kulturtreff Alter Bahnhof Inka Meyer gastiert mit ihrem Programm „Der Teufel trägt Parka“ / Ausverkaufte Vorstellung

Zwischen Genialität und Kalauer

Archivartikel

Neulußheim.In einer Welt zwischen High-Heels-Wahn und Hippster-Bart-Fanatismus kann man nur schwer bestehen, wenn man sich dem Diktat der Modebranche und den Erwartungen ihrer sektenhaften Anhänger entziehen will. Ein Plädoyer für mehr Individualität und vor allem für mehr Charakter führte am Freitagabend im Neulußheimer Kulturzentrum „Alter Bahnhof“ die Autorin und Kabarettistin Inka Meyer – vor einem über weite Strecken johlenden Publikum, das schwankte irgendwo zwischen Mädelsabend mit Hugo und kokettem Gekicher und Partystimmung beim Waldfest.

Das Rezept der 38-jährigen „mittelfränkischen Pfälzerin mit friesischem Migrationshintergrund“ ist dabei denkbar einfach: Denn Wahnsinn der Mode- und Wellnessbranche und die Verblendung ihrer Jünger lassen sich am besten aufs Korn nehmen, wenn man sie einfach nur reflektiert – die bloße Nennung der Umstände macht deren Witz und vor allem deren Irrwitz direkt erfahrbar.

Pümmelwurst als Topping

Wenn „Pümmelwurst“ (die ostfriesische Variante der Mettwurst) zum trendy „Topping“ für das Butterbrot wird, wenn der Ehering von der Jack-Wolfskin-Jacke im Partnerlook abgelöst und „Der größte Feind der Schönheit ist der Pragmatismus“ zum Leitspruch wird, dann ist auch die Erkenntnis nicht weit, dass industrielle Massentierhaltung in menschlicher Gestalt kaum Sinn einer evolutionären Entwicklung sein kann.

Die Stärken in Meyers Variante der Comedy-Kabarett-Mischung sind feinsinnige, manchmal höchst untergründige Gedanken- und Wortspiele, die durchaus ein genaues Zuhören und Mitdenken erfordern. Wenn sie feststellt, dass man abgeschminkt aussieht „wie Gott mich schuf – sozusagen auf Werkseinstellungen zurückgesetzt“ oder den Beweis führt, das Ötzi ein Deutscher gewesen sein muss („Das einzige Volk, das in Sandalen ins Hochgebirge geht“), ist das Beweis für ihre scharfsinnige Art, die Dinge zu sehen – und sie in Worte fassen zu können, die treffen und dennoch beleben: „Die eine Art von Mode sollte man tragen, wenn man schön sein will – wenn man die andere Art von Mode tragen will, sollte man schön sein“.

Bedauerlich und an vielen Stellen auf eine nervige Art bitter aber ihr fast pathologisch wirkender Hang zum Kalauer. Was Meyer in ihrem den 2006 erschienenen Streep-Hathaway-Film veralbernden Abendfüller „Der Teufel trägt Parka“ macht, ist leider viel zu oft Gekalau-ere in Regionen, die angesichts der brillanten Genialität der natürlich lockeren Meyer dazwischen etwas Beleidigendes haben. Hier ein holpriges Gedicht vorm Kleiderschrank, da ein Gag, über den man bereits vor 15 Jahren auf keiner Abiparty mehr lachen konnte. Warum macht ein sonst so erfrischend anderer Künstler, der mit seiner Art hervorragend und mühelos punkten könnte, heute noch Witze über die VW-Korruptionsaffäre (13 Jahre her) oder über Frauke Petry, die gesellschaftlich wie politisch altes Eisen ist?

Dem Mainstream erlegen

Vielleicht, weil wir Menschen eben manchmal doch genau dem erliegen, was die so arg und zu recht kritisierte Modeindustrie nur auf die Spitze treibt: dem Wunsch, dazuzugehören und bei aller Freude an der Individualität auch wie die anderen zu sein. Mainstream nennt der Fachmann das und die dahinterstehende Angst, mit allzu großer Eigenständigkeit zu scheitern.

Inka Meyer könnte es ganz allein, ganz als Inka, ganz ohne Nachgeäffe und billige Pointen: Wenn sie ihr Programm um alles Fremde bereinigen würde, um festzustellen, dass sie damit zwar nicht „Mode“, aber absolut „en vogue“ ist.

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