Oftersheim

Evangelische Kirchengemeinde Pfarrer Tobias Habicht erinnert sich an eine Reise zum Schiefen Turm von Pisa / Auch unser Dasein kann leicht aus der Balance geraten

Das Leben ist alles andere als eine einfache Gerade

Archivartikel

Oftersheim.Ab Mittwoch werden wir für einige Tage unterwegs sein. Zwar nicht nach Pisa in Italien, wie vor einigen Jahren, sondern auf einen kleinen Bauernhof in den Schwarzwald, den wir nun schon seit Längerem immer wieder als Urlaubsort wählen.

In Pisa war ich im Jahr 1998. In Italien. Als Heranwachsender wollte ich unbedingt mal den Schiefen Turm sehen. Mit meiner Patentante, ihrem Mann und dem Bruder meiner Patentante mitsamt Familie war ich zehn Tage in der Toskana, wir fuhren dann tatsächlich nach Pisa. Wenn man den Schiefen Turm das erste Mal im Original sieht, dann ist das schon sehr komisch. Ich musste laut lachen: „Der ist ja noch viel schiefer als auf den Bildern. So schief. Und er steht doch.“

Vor wenigen Jahren wurde der Turm mit großem Aufwand gestützt und unterfüttert, damit er nicht umfällt. Man hatte ihn damals auf Sand gebaut. Ob die Bauleute vor hunderten von Jahren das wussten? Ob sie ahnten, dass das schief geht? Wir packten vor dem Schiefen Turm unser Picknick aus und aßen.

Geschichten aus dem Leben

Wenn ich in unserem Garten in der Sonne liege und unseren (Gott sei dank!) geraden Kirchturm anschaue, kommt mir immer wieder das Bild von Pisa in den Kopf. Und dann auch Geschichten aus meinem Leben in den Sinn. Momente in meinem Leben, in denen bei mir etwas schief gegangen ist. Manchmal so schief, dass ich zu fallen drohte.

Jesus sagt uns in der Bibel etwas über die Statik von Bauwerken. Er sagt: „Baut euer Lebenshaus nicht auf Sand, baut es lieber auf festen Grund, auf einen Fels, der nicht wankt. Wenn mal ein Platzregen kommt, so habt ihr einen festen Grund, auf dem ihr euer Haus gebaut habt.“ Eine kluge Idee, finde ich. Jesus weiß darum, dass du in deinem Leben aus der Balance kommen kannst. Krankheit, Unfall, der Verlust deiner Arbeit, der Tod von deinen Liebsten. Alles war so gradlinig angelegt, und plötzlich geht alles schief. Wir brauchen Stütze, wir brauchen Halt. Das Leben ist ja keine einfache Gerade, das Leben bietet Kurven, Sackgassen, Wendungen und Umkehr, Engstellen, Baustellen und Sand, jede Menge Sand, auf dem man rutschen und dem tragenden Grund entgleiten kann.

Der Apostel Paulus sagt: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Auf dem darfst du gründen, auf dem darfst du dein Lebenshaus aufbauen. Und dann geht’s los: Auf die Fahrt durch ein volles Leben.

Durch Schieflagen hindurch

Durch Engstellen und Baustellen, auch durch Schieflagen hindurch. Der Geist Gottes begleitet dich, trägt dich, er unterfüttert dein Leben mit einem festen Fundament. Und dann läuft doch irgendwie vieles gerade im Leben, wie schön ist das! Das Schöne dann auch zu benennen, die Dankbarkeit dafür, fehlt oft – klar, klagen über die Schiefheit geht leichter über die Lippen.

So ist er imposant und schön anzuschauen, der Schiefe Turm von Pisa. Schief und schön wie manches in meinem Leben. Und ich frage mich: Hätte dieser Turm eigentlich diesen Reiz und Charme, wenn er nicht so schief wäre? In den vergangenen Wochen haben mich viele Bilder bewegt und erschüttert – Bilder aus Beirut, aus Belarus, aber auch aus der unmittelbaren Umgebung. In solchen Notlagen brauchen die Menschen unbedingt Hilfe. Viele helfen einander, und viele sind auch auf Unterstützung angewiesen.

Unsere Kirche ist nach wie vor täglich geöffnet, für Gebet, Stille und Ruhe. Und so wünsche ich Ihnen eine gute und schief-schöne Woche. Lassen Sie es sich gut gehen und bleiben Sie behütet, wo immer Sie in diesen Wochen sind.

Meine Kollegin Sibylle Rolf ist aus dem Urlaub zurück. Sie und Vikarin Sophia Leppert sind in den kommenden beiden Wochen da – von beiden darf ich wie immer ganz herzlich grüßen.

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