Oftersheim

Landwirtschaft Christian Gieser erzählt, welche Auswirkungen der Klimawandel auf seine Arbeit hat / Der April ist in diesem Jahr besonders trocken gewesen

„Der Boden ist zum Teil wie Mehl“

Archivartikel

Oftersheim.Es gab schon einfachere Zeiten ein Landwirt zu sein. Corona-Krise, Politik und der Klimawandel sorgen derzeit gerade für einige Erschwernisse. Wobei die ersten beiden Größen in den Augen von Christian Gieser, vom Spargel- und Melonenhof Gieser, bei allem Ärger wenigstens nicht die Systemfrage stellen.

Der Klimawandel, daran lässt der Mann keinen Zweifel aufkommen, sei für die Landwirtschaft das markerschütternde Problem. Nicht heute und auch noch nicht morgen, aber der Wandel wird kommen und Gieser macht sich keine Illusionen darüber, dass er mit Wucht kommt. Nicht nur der Wald wird in einigen Jahrzehnten anders aussehen, auch die Landwirtschaft wird eine andere sein.

Belege dafür finden sich bei ihm direkt vor der Haustür. Seit einigen Jahren baut der Bauer neben Zuckerrüben, Spargel und Korn auch Artischocken an. Bis vor zwei Jahren musste er aber jedes Frühjahr neue Pflanzen kaufen, weil die Artischocken im Winter eingingen. „Zwei bis drei Wochen Frost halten die nicht aus“, sagt er. Doch solche Frostperioden werden schon seit längerem immer seltener und in den beiden vergangenen Jahren gab es sie überhaupt nicht mehr, so dass seine Artischockenpflanzen bereits das zweite Jahr in Folge überlebt haben. Es seien nur 0,2 Hektar aber sie machten im Kleinen das Große sichtbar. Und das auch ziemlich schnell. Im vergangenen Jahr begann der Artischockenverkauf Mitte Mai. Dieses Jahr war der Verkaufsstart für Artischocken Anfang April.

Süden wandert nach Norden

Der Klimawandel, davon ist Gieser überzeugt, wird die Landschaft und damit das Gesicht der Landwirtschaft massiv verändern. Der Süden wandert langsam aber unaufhaltsam nach Norden. In wenigen Jahren, so prognostiziert ein Bericht des baden-württembergischen Umweltministeriums, herrsche hier ein Klima wie es derzeit in Südfrankreich existiert. Eine These, zu der auch Giesers Melonen bestens passen. Seit einigen Jahren baut er auf mittlerweile 0,4 Hektar Wasser-, Galia- und Cantaloupemelonen an. Eine Entscheidung, die sich auszahlt – verkauft er doch von Juli bis September gut 10 000 Melonen. Beides, Artischocken- und Melonenanbau, wären vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen. Und jetzt seien sie Fingerzeige für eine gelingende Zukunft der Landwirtschaft, die offensichtlich mediterraner wird.

Natürlich baut er derzeit auf seinen 35 Hektar vor allem Zuckerrüben, Weizen, Gerste, Mais und Spargel an. Aber ob sich das in zehn Jahren so noch rechnet sei völlig offen. Im Dürrejahr 2018 verzeichnete er bei den Zuckerrüben ein Ertragsminus von 50 Prozent. Letztes Jahr war dann wieder etwas besser, aber dieses Jahr fängt nicht vielversprechend an. Ganz im Gegenteil, so trocken sei noch kein April gewesen.

In Teilen habe der Boden die Qualität von Mehl. Ohne intensive Bewässerung geht hier kein Samen auf. Gut sehe es für Winterweizen und Raps aus, die vom winterlichen Regen profitieren. Aber Sonnenblumen oder Sommergerste seien auf Bewässerung angewiesen. Und auch wenn es nun regnet, bedeutet das nicht unbedingt Entlastung. Wenn es nur kurz und stark regnet, fördere das vor allem Bodenerosion. „So verlieren wir Humus und das mindert den Ertrag weiter“, erklärt Gieser. Was die Natur und die Landwirtschaft bräuchten, sei „ein langanhaltender Landregen“.

Natürlich habe es auch früher Extremereignisse gegeben. Doch die zeitlichen Abstände seien viel größer gewesen, so dass sich die Natur immer wieder erholen konnte. Doch neuerdings wird die Natur und in der Folge auch die Landwirtschaft unter Dauerstress gesetzt. Hitze und Dürre in immer engerer Abfolge würden die Landwirtschaft in Frage stellen. Vielleicht noch nicht hier – doch man müsse nicht nach Afrika, um die verheerenden Folgen des Klimawandels vor Augen geführt zu bekommen. In Teilen Ostdeutschlands seien die Spuren der Hitze und Trockenheit unübersehbar und eine Landwirtschaft wie früher nachhaltig kaum noch umzusetzen.

Unterm Strich werde die Landwirtschaft schwieriger und die Erträge unsicherer. Der Klimawandel ist eine Realität, mit der die Bauern, so weit das möglich ist, lernen müssen umzugehen.

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