Oftersheim

Ein Datum – zwei Botschaften

Archivartikel

Ich war gerade auf der Heimfahrt von Weinböhla nach Schwetzingen. An jenem Mittwoch, es war der 9. Oktober, kreisten meine Gedanken noch immer um die eindrucksvollen und berührenden Gespräche, die ich in den vergangenen beiden Tagen mit Bürgern aus der sächsischen Partnergemeinde Oftersheims geführt hatte. Sie erzählten ihre ganz persönlichen Geschichten aus der Wendezeit.

Im Radio kamen an jenem Vormittag immer wieder Beiträge aus Leipzig. Der 9. Oktober war auch der 30. Jahrestag der großen Montagsdemonstration, als 70 000 Menschen auf der Straße skandierten „Wir sind das Volk“. Sie trugen damit maßgeblich zur friedlichen Revolution bei, an deren Ende ein Monat später der Mauerfall stehen sollte. Und dank meiner Begegnungen in Weinböhla brachte ich nun auch Gesichter in Verbindung mit den Ereignissen.

Die MDR-Moderatoren beschrieben die nachdenkliche, aber zugleich auch heitere Atmosphäre an diesem sonnigen Tag in Leipzig. Dass das Friedensgebet in der Nikolaikirche, das um 17 Uhr auf dem Programm stand, auf eine ganz andere Art Bedeutung bekommen würde, ahnte da noch niemand.

Es war gegen halb zwei Uhr mittags auf Höhe von Jena, als Polizeisirenen meine Gedanken plötzlich durchschnitten. Auf der Gegenfahrbahn rasten erst acht Mannschaftswagen, ein paar Momente später noch einmal drei entlang. Zur gleichen Zeit erfuhr ich aus dem Radio, das eben noch die schöne Stimmung in Leipzig beschrieb, den Grund für dieses Großaufgebot. In Halle gab es einen Anschlag, Ziel war die Synagoge. Zunächst blieb die Lage noch im Unklaren, war die Rede von einem Amoklauf. Im Verlauf des Nachmittags wurden zwei von Schüssen tödlich getroffene Opfer zur traurigen Gewissheit, der Täter, getrieben vom Hass, wurde festgenommen.

Von einem Moment auf den anderen rückte die friedliche Botschaft der toleranten Menge bei den Montagsdemonstrationen weit in den Hintergrund. Dominiert wurden die Nachrichten von einem von unversöhnlicher Hetze getriebenen Individuum, das mit seiner Feindseligkeit Angst und Schrecken verbreitete.

Leipzig und Halle – 45 Kilometer voneinander weg, aber Welten entfernt. Ich wünsche mir, dass die Friedensbotschaft von 70 000 Demonstranten aus dem Jahr 1989 auf Dauer eine stärkere Strahlkraft entfaltet als der hassmotivierte Anschlag eines verirrten Menschen anno 2019.

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