Oftersheim

Interessengemeinschaft Gemeinderätin Silke Seidemann ist Besitzerin von zwei Pitbulls / Sie möchte gemeinsam mit anderen Hundehaltern Vorurteile abbauen

„Emma“ und „Pearl“ auf Kuscheltour

OFTERSHEIM.„Kein Hund wird böse geboren. Es liegt nicht an der Rasse, ob der Hund harmlos oder gefährlich ist.“ Das ist der Leitspruch der IG Staffordshire und Co., die sich gegen Rasselisten einsetzt. Wir haben Mitglieder der Interessengemeinschaft mit einigen ihrer Hunde getroffen und über ihre Vierbeiner und die „straffen“ Auflagen der Haltung gesprochen. „Wühlkistenwelpen“ aus zwielichtigem Handel mit den Jungtieren waren Themen.

An den Waldrand sind die Gemeinderätin Silke Seidemann mit ihren Pitbulls „Emma“ und „Pearl“ sowie Martina und Stefan Wesle, ebenfalls aus Oftersheim, mit ihrem Bulldoggen-Mischling „Tyson“ gekommen. Die IG–Sprecherin Nina Filsinger aus Wiesloch ist auch da.

Die Hunde sind auf Kuscheltour, „Tyson“ hat den Spieldrang, dem die beiden älteren Hündinnen nicht zwingend nachgehen wollen. Martina Wesle weiß, dass „Tyson“ noch einen ordentlichen Spaziergang braucht nach dem Gespräch mit unserer Zeitung: „Wie jeder Hund. Bewegung und Spiel brauchen alle.“ Da unterscheidet sich der Rüde, den Familie Wesle aus schlechter Haltung übernommen hat, nicht von Artgenossen, die einen angenehmeren Start ins Hundeleben hatten.

Mit ihren Tieren zeigen die Halter, dass die Rassen friedlich und folgsam sind, denn während der Unterhaltung und mit etlichen Menschen, die an uns als Gruppe mit Kindern oder Hunden vorbeigehen, haben sie keinen Stress. Sie liegen ruhig neben den Frauchen und Herrchen, später im offenen Kofferraum des Halterfahrzeugs.

Die Hundefreunde wollen eine Lanze für die speziellen Rassen brechen, darstellen, dass Erziehung und der Umgang mit dem Hund sein Wesen prägen. „Potenziell könnten alle Hunde scharfgemacht werden“, stellen sie fest, dass das nicht ausschließlich an der Rasse liegt. Man müsse den Weg des Hundes von seiner Geburt an verfolgen, um Rückschlüsse aufs Verhalten ziehen zu können. Die drei Hunde haben es bei ihren Besitzern gut. Die wiederum mussten sich mit den Tieren dem „Wesenstest“ unterziehen, denn die Vierbeiner gehören zu den so genannten Listenhunden, die Rassen finden sich auf Rasselisten.

Unterschiedliche Kriterien

Jetzt geht es erst einmal an die Erklärung dieser Schlagworte: Auf Rasselisten stehen Hunderassen, die rassebedingt als gefährlich angesehen werden oder deren Gefährlichkeit vermutet wird. Die dort erfassten Hunde gelten als „Listenhunde“ für die Einschränkungen für die Haltung gelten – je nach örtlichen Begebenheiten können die ganz unterschiedlich sein. Dazu zählen unter anderem die Volljährigkeit des Hundebesitzers, ein Führungszeugnis oder die Pflicht zum „Hundeführerschein“. Chippflicht, Versicherungspflicht, Maulkorbpflicht, Leinenzwang und mehr Auflagen sind möglich; recht verbreitet ist der Wesenstest für Hunde.

Inhalt und Ziel des Tests ist, in diversen nachgestellten Szenarien die Reaktion der Hunde zu beobachten. „Dabei werden etwa Flaschen in der Nähe der Tiere fallen gelassen“, berichtet Martina Wesle. Kindergeschrei vom Band läuft oder wehende Mäntel werden direkt am Hund vorbeigeführt. Es ist unschwer vorstellbar, dass ein seriöser Hundebesitzer, der einfach die Rasse mag, Tiere retten möchte, nervös ist, wenn es zum Test geht – der ja auch in die Hose gehen kann. Das beeinflusse das Tierverhalten natürlich, denn die Vierbeiner seien auf ihren Zweibeiner sensibilisiert, spürten, wenn etwas nicht in Ordnung ist, bestätigen die Hundehalter.

Geht der Wesenstest schief, kann er wiederholt werden. Am Ende droht bei Nichtbestehen der Besuch beim Hundepsychologen oder dass man als Halter das Bundesland wechseln muss, dorthin, wo es andere Vorgaben gibt. Schlimmstenfalls wird die Haltung des Hundes untersagt. Wohin dann mit dem Tier, das man liebgewonnen hat? Darüber möchten die vier Menschen nicht nachdenken, „denn es endet mit Tierheim oder damit, dass das Tier eingeschläfert werden muss“, so Nina Filsinger.

Sie und die IG-Mitglieder setzen sich für die Listenhunde ein, informieren umfassend, etwa am Samstag, 20. Januar, 11 bis 15 Uhr, an einem Infostand in der Wieslocher Hauptstraße (Nähe evangelischer Kirche). Ein Thema ist die immense Erhöhung der Hundesteuer in Wiesloch für „Listies“, die jetzt 495 Euro jährlich kostet, vorher waren es 87 Euro im Jahr. Die Engagierten befürchten auch andernorts eine Anhebung der Steuersätze.

Zwielichtiger Handel mit Welpen

Filsinger kennt die Tricks der illegalen Züchter: Die Welpen sind billig, kosten etwa 300 bis 500 Euro, haben keine Papiere. „Der übliche Preis beim Züchter liegt bei 1200 bis 1500 Euro für einen gesunden Welpen mit allen Papieren“, erklärt sie, dass man Welpen auf Internet-Plattformen ersteigern könne, ein Tier für die Gegenleistung von 200 Euro oder einem Tablet bekomme. Viel zu früh würden die Hundebabys von ihren Müttern weggenommen, die wichtige Sozialisierungsphase „bei Mama“ finde nicht statt. „Es sind immer sehr kleine Hunde, meistens sind sie krank“, schildert Filsinger den erbärmlichen Zustand.

Vorurteile allein wegen der Optik der Hunde kennen alle: „Ist das so ein Hund, der immer in der Zeitung steht?“, habe auch Filsingers Oma wissen wollen. „Ja“, war die Antwort, aber Oma habe die beiden Tiere mittlerweile kennengelernt, kurz darauf seien Oma und Tiere beste Freunde geworden, appellieren die vier Hundeliebhaber, auch beim Tier nicht nach dem Äußeren zu urteilen und mit Hund sowie Halter erst einmal „warm zu werden“. Zudem setzen sie sich für die Vereinheitlichung der gesetzlichen Vorgaben für Listenhunde ein.

Und „Emma“ und „Pearl“? Die beiden Pitbull-Damen teilen noch „Küsschen“ aus bevor sich unsere Wege trennen.

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