Oftersheim

Klimawandel Förster Robert Lang spricht über den Zustand des Gemeindegebiets / Besonders Engerlinge haben den Bäumen in diesem Jahr zugesetzt

Geschwächter Wald braucht Hilfe

Archivartikel

Oftersheim.Während in diesem Jahr auch die Menschheit von einer globalen Plage heimgesucht wird, kann die Tier- und Pflanzenwelt davon schon länger ein Lied singen. Die Auswirkungen des Klimawandels unterscheiden sich je nach den Gegebenheiten einer Landschaft und den Bedürfnissen ihrer Bewohner. In der Oberrheinischen Tiefebene sind die Gegebenheiten recht einheitlich und die Landschaft um Oftersheim fast schon exemplarisch: Sandige Böden und viel Sonnenschein prägen Landschaft und Klima.

Entsprechend angepasst sind auch die Einheimischen: Kiefern, Hauptbaumart in der Region, etwa treiben lange Pfahlwurzeln in das durchlässige Erdreich, um genügend Wasser abzubekommen. Kein Baum ist so prägend für das Bild der Schwetzinger Hardt wie die Kiefer. Die schlanken, rotbraunen Stämme mit ihren tiefgrünen Nadelkronen haben es derzeit aber auch besonders schwer: Steigende Temperaturen und Trockenperioden setzen den Pflanzen ebenso zu wie die Begleiterscheinungen der Klimaveränderung. „Der Sommer war in diesem Jahr wieder heiß und trocken“, fasst Förster Robert Lang zusammen, „allerdings sind die ganz hohen Werte gegen 40 Grad Celsius in diesem Sommer ausgeblieben.“ Solche Temperaturen haben noch einmal einen deutlichen Anstieg auf die Ozonwerte zu Folge und führen auch zu Verbrennungen auf Nadeln und Blättern.

Für den Oftersheimer Wald hätte es also schlimmer kommen können – gut geht es ihm deshalb aber nicht. Wer schon einmal vergessen hat, eine Zimmerpflanze zu gießen, der kann sich in etwa vorstellen, was dort im großen Maßstab passiert. Und das hat rapide Veränderungen zur Folge: „Vor rund 15 Jahren lag der Anteil an Kiefern noch bei etwa 80 Prozent“, berichtet Förster Lang, „inzwischen sind wir bei gut 50 Prozent.“ Die Bäume sterben allerdings nicht nur wegen der Hitze ab, dafür sind verschiedene Ursachen verantwortlich, die aber alle im Zusammenhang mit dem Klimawandel – im Besonderen der steigenden Durchschnittstemperatur und Extremwetterlagen – stehen.

Einer, der sich über die warmen Temperaturen freut, ist der Maikäfer. Seine Larven, Engerlinge genannt, leben unter der Erde und ernähren sich von Pflanzenwurzeln. Bodenfrost mögen die wurmartigen Tiere nicht, je früher es jedoch wieder wärmer wird, desto früher beginnen sie zu fressen. Die Engerlinge entwickeln sich in vier Stadien zu einem Käfer, knabbern also während des Lebenszyklus drei Jahre an den Baumwurzeln, bis sie auch über der Erde als brummende Schwärme sichtbar werden. Weil sich diese Zyklen in einer Region synchronisieren, schwankt das Aufkommen der Käfer alle vier Jahre deutlich.

Großer Käferflug zu erwarten

2021 kann wieder ein großer Käferflug erwartet werden. Bei Probegrabungen der Förster im benachbarten Sandhausen wurde eine große Menge Engerlinge in der Vorstufe zum Maikäfer gefunden, wie Robert Lang berichtet: „Dort war die kritische Dichte teilweise um das Achtfache überschritten.“ Immerhin: Sind die Sommer zu lange zu trocken, kann das auch dem Käfernachwuchs schaden. Bei Laubbäumen sind die unterirdischen Auswirkungen der Maikäferlarven schnell zu beobachten, erklärt Lang, sind die Feinwurzeln abgefressen und wenig Feuchtigkeit im Boden, werden ihre Blätter bereits im Frühjahr welk. Nadelbäume wie die Kiefer dagegen schütten ihre Nadeln ab, um den Wassermangel etwas auszugleichen. Teilweise könne der Druck durch den Wurzelfraß aber auch so stark sein, dass eine Eiche oder Buche bei vollem Laub umstürzt.

Als wären Wassermangel durch Dürreperioden, Hitzestress und den Nährstoffzugang zernagendes Getier nicht schon genug, setzen dem Wald auch offen sichtbare Schädlinge zu. Besonders in den Kronen der Kiefer sind die Widersacher auch hier wieder zu finden. Mit ihrer gelblich-grünen Rundung hebt sich die Mistel bei genauerem Hinsehen gut von der Baumkrone ab – wenngleich sich dabei zeigt, dass die oberflächlich betrachtet dichten Wipfel in Wahrheit hauptsächlich von Invasoren bevölkert sind. „Man sagt, die Mistel raubt dem Baum etwa zehn Prozent seiner Wuchsleistung“, erläutert Lang, „bei einem starken Befall, wie wir ihn bei uns sehen, kann das durchaus auch mehr sein und trägt in Verbindung mit den anderen Faktoren auch zum Absterben des Baumes bei.“

Gegen die Ausbreitung der parasitären Pflanze, die sich ans Kreislaufsystem den Baumes andockt und ihm Feuchtigkeit entzieht, lässt sich schwer etwas tun. Ihre Früchte dienen als Nahrung für Vögel, die damit die Samen immer weiter verteilen. Besonders heikel: Ein Mistelbefall hebelt im Falle der Kiefer deren Selbstschutz gegen Trockenheit aus, schwächt damit den Baum, der sich immer schwerer gegen den Befall wehren kann und tritt einen Teufelskreis los, der im Absterben beider Pflanzen gipfelt. Der Wald in der Rheinebene, und besonders die Kiefer, stehen also von allen Seiten unter Beschuss – befeuert durch ein sich wandelndes Klima.

Holz als Baumaterial

Für die Forstverwaltung stehen mit diesen Veränderungen zwei Herausforderungen an: Zum einen müssen die Förster Wege finden, den Wald zu erhalten und ein Nachwachsen neuer Bäume und Pflanzengesellschaften zu ermöglichen. Zum anderen sollen diejenigen Bäume, die nun aus dem Wald entfernt werden sinnvoll genutzt werden. „Im Durchschnitt sind unsere Waldbestände etwa 100 Jahre alt und haben über diesen Zeitraum entsprechend viel CO2 gespeichert“, erklärt Lang.

Damit diese Bindung des Treibhausgases weiter Bestand hat, soll möglichst viel Holz als Baumaterial eingesetzt werden und nicht etwa verbrannt werden. „Deshalb lassen wir die abgestorbenen Bäume auch nicht einfach umfallen“, sagt Lang, „beim Verfaulen würden diese innerhalb von zehn Jahren alles CO2 wieder freigeben.“ Zur Verdeutlichung: Auf einem Hektar Wald stehen rund 300 Festmeter Holz – ein Festmeter entspricht etwa einer Tonne gespeichertem CO2.

Möglichst früh werden die Bäume deshalb in Oftersheim geerntet, um sicherzustellen, dass das Holz weiterverarbeitet werden kann. Derzeit mag der Anblick bei einem Waldspaziergang zwar den Eindruck vermitteln, dass dem Wald wertvollen Ressourcen gestohlen werden – immerhin liegen entlang der Wege Stämme über Stämme aufgereiht. Was man dort aber eigentlich sieht, ist eine Maßnahme, möglichst viel Treibhausgase weiter binden zu können, denn je drastischer die Folgen des Klimawandels werden, desto schwieriger wird es auch für den Wald.

Hinzu kommen gebietsfremde Pflanzen wie die amerikanische Kermesbeere, die vom Forst immer wieder zurückgedrängt werden muss. Die wärmeliebende Pflanze profitiert nicht nur von steigenden Temperaturen, sondern auch von den immer lichter werdenden Beständen, die mehr Sonnenlicht auf den Waldboden scheinen lassen. „Sobald mehr Licht kommt, ist die Kermesbeere da“, sagt Lang, „der Boden ist komplett voll mit ihren Samen.“ Eine Aufgabe, die den Förster noch einige Zeit beschäftigen wird.

Druck abwenden

Die Strategie: Dem Wald dabei helfen, sich selbst zu helfen. Während die Kermesbeere bekämpft und immer wieder zurückgedrängt wird, werden an den lichten Stellen Bäume gepflanzt, die nach zehn oder 15 Jahren wieder ein dichtes Kronendach schaffen und so den Druck durch die invasive Art selbst abwenden können.

Glücklicherweise wirken nicht nur die Stressfaktoren für den Wald ineinander und Verstärken sich gegenseitig – auch die positiven Mechanismen, die den Lebensraum Wald wie ein feines Uhrwerk im Gleichgewicht halten, können im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels Stärke beweisen. Nur braucht der Wald dabei mehr denn je eine helfende Hand.

Info: Weitere Bilder finden Sie unter www.schwetzinger-zeitung.de

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional