Oftersheim

Im Interview Dem Behindertenbeauftragten Patrick Alberti fehlt es an barrierefreiem Wohnraum

„Hinhören, was sie sagen“

Oftersheim/Region.Der internationale Tag der Menschen mit Behinderungen an diesem Dienstag, 3. Dezember, steht ganz im Zeichen der Partizipation. Dieser Gedenktag wurde 1992 erstmals von den Vereinten Nationen ausgerufen.

Jedes Jahr steht er unter einem anderen Motto. Dieses Jahr lautet es: Partizipation von Menschen mit Behinderung soll nachhaltiges Handeln auf kommunaler Ebene unterstützen. Dazu äußert sich der kommunale Behindertenbeauftragte des Rhein-Neckar-Kreises, Patrick Alberti, im Interview.

Herr Alberti, was bedeutet Partizipation eigentlich?

Patrick Alberti: Üblicherweise wird Partizipation in Deutschland schnöde mit „Teilhabe“ übersetzt. Aber das trifft die Bedeutung echter Partizipation überhaupt nicht. Partizipation geht nämlich über das „Dabei-sein“ hinaus und berücksichtigt bei der Entscheidungsfindung die Interessen aller Personen, die von einer Maßnahme betroffen sind. Und zwar von Anfang an. Damit ist dieser Ansatz durch und durch inklusiv, weil kein Bedürfnis einer Gruppe über das einer anderen Gruppe gestellt wird. Alle Interessen sind gleichrangig und müssen in die Entscheidungsprozesse einfließen. Das bedeutet aber auch, dass man genau hinhören, vorausschauend planen und dann tragfähige – aber darum auch umso nachhaltigere – Kompromisse finden muss.

Was bedeuten diese Überlegungen denn konkret für die Städte und Gemeinden, wo das Leben der Menschen stattfindet?

Alberti: Nehmen wir zum Beispiel das Thema Bauen: Eigentlich ist es ja jedem klar, dass wir viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum haben. Und barrierefreier Wohnraum ist erst recht schwer zu finden. Leider hört man immer wieder die Aussage: Wir bauen nicht barrierefrei oder bauen nur das barrierefrei, was wir müssen. Das ist dann nicht nachhaltig, weil Studien davon ausgehen, dass uns im Jahr 2040 bis zu einer halben Million barrierearme und barrierefreie Wohneinheiten fehlen. Wer diese große Gruppe jetzt ausschließt, lässt sie weder jetzt noch in Zukunft an der Gesellschaft teilhaben, zumal wir in einer Gesellschaft leben, in der immer mehr Menschen älter werden. Aber nicht nur im Bereich des Wohnens ist die Perspektive der Menschen mit Behinderungen wichtig, sondern auch bei zahlreichen anderen Themen wie beispielsweise Mobilität, Arbeit, Kultur und Bildung. Es gibt wohl kaum einen Bereich des Lebens, der für Menschen mit Behinderungen nicht relevant ist.

Was muss sich generell noch ändern und was passiert speziell im Rhein-Neckar-Kreis zu diesem Thema?

Alberti: Wir alle müssen lernen, neugierig hinhören, was Menschen mit Behinderungen zu sagen haben und was sie wirklich benötigen. Damit sie sich im Rhein-Neckar-Kreis zukünftig besser einbringen können, wurde ein Inklusionsbeirat gegründet, der nach einer längeren Vorlaufphase im Januar offiziell vorgestellt wird. Der Inklusionsbeirat ist ein wichtiger Schritt, um Menschen mit Behinderungen in Entscheidungsfindungen einzubinden. Denn es ist an der Zeit, dass wir diejenigen Personen in den Planungen beteiligen, um die es geht.

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