Oftersheim

In Zukunft keine Erinnerungen

Auf der Suche nach dem Foto von meinem ersten Schultag für unsere Veröffentlichung (Seite 16) habe ich nicht nur das gewünschte Bild gefunden, sondern auch ganz viele Erinnerungen, die mit im Karton lagen.

Was wohl aus Daniela oder den Zwillingen Jutta und Gabi geworden ist? Entgegen unseres Versprechens, dass wir immer die allerbesten Freundinnen bleiben, haben wir uns natürlich irgendwann aus den Augen verloren.

Meine Grundschulzeit habe ich in den 1970er Jahren erlebt, als Bilder noch mit einer „richtigen“ Kamera gemacht wurden und manchmal – wenn es „für die Ewigkeit“ sein sollte – auch vom professionellen Fotografen. Die Papierbilder, teuer in der Entwicklung, waren damals weder Massenware noch Wegwerfprodukte. Abzüge bekamen die stolzen Großeltern, allenfalls noch die Paten. Vor allem aber waren Fotos nicht so leicht zu verbreiten wie heute, wo ein Klick in den sozialen Netzwerken genügt, um den Schnappschuss für alle Zeit auf der ganzen Welt unvergessen zu machen.

Deshalb ist die Skepsis mancher Eltern vor Fotos, die nicht sie selbst gemacht haben, einerseits verständlich. Andererseits treibt die Angst zuweilen auch seltsame Blüten, die Datenschutzverordnung trägt ihr Übriges dazu bei. Eine Kita in Nordrhein-Westfalen beispielsweise hat Kindern als Erinnerung Fotoalben geschenkt, in denen die Gesichter ihrer Freunde geschwärzt sind – damit der Datenschutz gewahrt bleibt. Ein Wahnsinn.

Auch wir erleben die Schwierigkeiten, die diese Regelung mit sich bringt, immer wieder. Doch nach Absprachen mit Lehrern – und selbstverständlich Eltern – klappt das in den meisten Fällen. Gerade jetzt bei der Einschulung der Erstklässler. Sonderseiten mit Bildern aus fast allen Schulen unseres Verbreitungsgebietes veröffentlichen wir in der Mittwochsausgabe unserer Zeitung. Lediglich einer Rektorin ist das zu gefährlich. Sie entscheidet für sich – und damit auch für die Eltern, Großeltern und Kinder – auf ein Foto in der Zeitung zu verzichten. Denn ein Verstoß gegen die Datenschutzverordnung könnte – schöne neue Welt – ja ein Verbrechen sein.

Ich finde aber, es ist ein größeres Verbrechen, die Schüler ihrer zukünftigen Erinnerungen zu berauben. Beim Durchsehen meiner Schulbilder fiel mir beispielsweise jenes in die Hände, auf dem ich – vielleicht acht Jahre jung – scheu zu Christoph aufblicke. Meinem ersten großen Schwarm. Der sah unglaublich gut aus. Neulich habe ich ihn zufällig gesehen, als ich meine Eltern besuchte. Hätten sie mir nicht gesagt, wer es ist – ich hätte ihn nicht erkannt. Aber wenigstens die Erinnerungen dank der Fotos kann mir niemand nehmen . . . Früher war beileibe nicht alles besser. Aber vieles entspannter.

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