Oftersheim

Behinderten- und Reha-Sportgruppe Marianne Rademacher und Elisabeth Groß trainieren mit den Frauen Beweglichkeit und Koordination bis ins fortgeschrittene Alter

Ins Schwitzen kommt man auch im Sitzen

Archivartikel

Oftersheim.„Seit ich Rentner bin, shalalala, habe ich keinen Augenblick mehr Zeit, tut mir leid“, singt Tony Marshall fröhlich aus dem Radiokassettenrecorder. Den neun munteren Damen fortgeschrittenen Alters im Stuhlkreis juckt’s schon in den Füßen, bevor Marianne Rademacher vorgibt, was sie gleich nachmachen sollen: Vor dem Körper klatschen, mit beiden Händen winken und dann auf die Oberschenkel schlagen. Es macht sichtbar Spaß, die Frauen sind mit Feuereifer dabei. Aber immer nur, solange wie es geht. Pausen sind jederzeit möglich.

Auch die Hula-Hoop-Reifen lassen sie danach synchron vor dem Körper kreisen und stemmen sie über den Kopf. Ab und zu mahnt Marianne Rademacher: „Pobacken zusammenkneifen, Bauch rein – und immer schön lächeln!“

Gymnastik im Sitzen nennt sich das Angebot der Behinderten- und Reha-Sportgruppe (BSG), trainiert werden die Beweglichkeit des ganzen Körpers, Koordination, Muskulatur und Kreislauf – bis ins hohe Alter. Viele der Teilnehmerinnen sind über 80 Jahre. Der Kurs, der immer dienstags um 17 Uhr in der Kurpfalzhalle stattfindet, spricht Frauen an, die Probleme mit ihrer Hüfte oder den Knien haben, aber dennoch Sport treiben wollen. „Ins Schwitzen kommt man schon im Sitzen“, weiß die lizensierte Rehasport-Übungsleiterin Marianne Rademacher, die die Stunden schon seit rund 20 Jahren leitet.

Mit Musik geht alles besser

Großen Wert legt sie auf flotte Musik, damit die Bewegung auch Spaß macht. Und die soziale Komponente ist ihr wichtig, sie spielt eine fast ebenso große Rolle wie der sportliche Aspekt: „Viele Frauen, zu uns kommen, haben zu Hause keinen Ansprechpartner mehr. Ich höre ihnen zu, sie können mir ihr Herz ausschütten und sich unterhalten. Das ist ganz wichtig“, meint sie. „Und sie kommen gerne.“ Beispielsweise, um die Koordinationsübungen mit den Fingern, die Marianne Rademacher gerade zeigt, nachzumachen. Übrigens: Die Verfasserin dieser Zeilen hat es auch versucht – mit mäßigem Erfolg . . .

Doch nicht nur die Frauen treffen sich regelmäßig. Die Männer spielen dienstags von 15 bis 16.30 Uhr Tischtennis. Donnerstags von 18 bis 20 Uhr steht zunächst 20 Minuten Gymnastik auf dem Programm, bevor’s auch dann an die Tischtennisplatte geht – beides in der Kurpfalzhalle, beides unter der Leitung von Roland Seidel. „Und danach gibt es immer noch einiges zu bereden“, sagt er schmunzelnd.

„Wer rastet, der rostet“, findet auch Maria Michel, die stellvertretende Vorsitzende der BSG. Wie viel Wahrheit in diesem Spruch steckt, zeigt sich ganz besonders jetzt in der kalten Jahreszeit. „Dabei liegt es meistens an der Überwindung, mal das Haus zu verlassen. Man wird unbeweglich, die Gelenke werden steif, Rücken und Schultern schmerzen. Der seelische Zustand leidet dadurch notgedrungen“, weiß sie und kennt auch die Lösung für das Problem: „Was ist da geeigneter, als sich in einer Gruppe zu treffen, Gutes zu tun für sein Wohlbefinden, vor allem auch die Geselligkeit zu genießen, plaudern und lachen.“

Die Behinderten- und Reha-Sportgruppe werde genau diesen Anforderungen gerecht. „Der BSG-Sport richtet sich keineswegs nur an Menschen mit einer Behinderung, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte“, stellt sie klar. „Teilnehmen können alle Menschen, Frauen oder Männer, mit oder ohne Behinderung und unabhängig vom Alter. Der Reha-Sport ist für alle geeignet, die ihre Beweglichkeit erhalten und ihre Muskulatur stärken wollen.“ Sie selbst macht in der zweiten Gruppe mit, die sich zur gleichen Zeit wie die von Marianne Rademacher in der Kurpfalzhalle trifft, auf der anderen Seite der Trennwand.

Dort ist mehr körperliche Betätigung angesagt. Leiterin Elisabeth Groß legt großen Wer darauf, dass für jeden Einzelnen ein gutes Ergebnis erzielt, aber auch Rücksicht auf bestehende Einschränkungen genommen wird und jeder nach seinen Möglichkeiten mitmachen kann. 16 Frauen stellen sich zur Polonaise auf – zuerst marschieren sie zu zweit die Halle entlang, um sich am Ende des Wegs in verschiedene Richtungen zu trennen, dann zu viert, zu acht – und schließlich alle auf einmal. Trotz der Konzentration kommt auch das Vergnügen nicht zu kurz, immer wieder lachen die Damen. Und auch in dieser Gruppe gilt natürlich: Mit flotter Musik geht alles gleich viel besser.

Lilo Herrmann ist 80 Jahre, wie den meisten Teilnehmerinnen sieht man ihr das Alter nicht an. Sie nimmt seit neun Jahren regelmäßig an den Stunden teil, Christine Hausdorf (82) sogar seit 13 Jahren. Die beiden sind sich einig: „Sport zu treiben und beweglich zu bleiben ist wichtig – gerade, wenn man älter wird.“ Dafür sorgt Elisabeth Groß, die die Frauen jetzt an der Hallenwand Aufstellung nehmen lässt. „Hoch, tief, wie wenn ihr euch hinsetzen wollt“, gibt sie das Kommando. Das ist gut fürs Gleichgewicht. Die Sportlerinnen gehen gleichzeitig in die Knie und kommen wieder in eine aufrechte Position.

„Man darf halt nicht einrosten“

Waltraud Dybowski (82) ist seit mindestens 20 Jahren dabei. „Wir waren mal ein Kegelclub und sind dann hierher gewechselt. Man darf halt nicht einrosten“, sagt sie und macht – wie die anderen 15 auch – Liegestütze an der Wand. „Mit Schwung, nicht mit Kraft“, mahnt die Übungsleiterin, die Wert darauf legt, dass die Seniorengymnastik Bewegung, Kraft, Ausdauer, Gleichgewicht, Koordination, Sturzprophylaxe und das Mentale anspricht. „Aber immer auch altersgerecht“, betont Elisabeth Groß.

Darüber hinaus kommt natürlich Geselligkeit bei der BSG nicht zu kurz. Weihnachtsfeiern und Sommerfeste sorgen immer wieder für viel Begeisterung. In den Ferien, wenn die Halle geschlossen ist, trifft man sich regelmäßig dienstags um 16 Uhr zur Radtour, selbstverständlich mit anschließender Einkehr.

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