Oftersheim

Evangelische Kirchengemeinde „Erst mal ich“ ist der falsche Weg

Paulus als Vorbild für die Gegenwart

Oftersheim.Zu Weihnachten habe ich von meiner Kollegin einen „Um-die-Ecke-Denker“ geschenkt bekommen, über den ich mich sehr freue. Geistreich, überraschend, amüsant – dieser Tischaufsteller bietet mit seinen drei immer wieder frei kombinierbaren Satzteilen eine schier unerschöpfliche Menge an scheinbar willkürlich zusammengestellten Aussagen zu den Themen Glaube, Liebe, Hoffnung, Gott und Kirche.

Manchmal kommen sie humorvoll daher, dann wieder stimmen sie nachdenklich. Ein bereicherndes Geschenk für jemanden wie mich, der besondere Wortspiele sehr gerne mag. Gestern steht auf einmal diese Kombination auf dem Tisch: „Achtsamkeit ist – vorsichtig ausgedrückt – oft unterschätzt.“

Am Sonntag hat die regionale Predigtreihe „Hand und Fuß – biblische Körperwelt“ begonnen – dieses Jahr (vorerst) leider nur digital oder in gedruckter Fassung. Zu Gast in Oftersheim wäre zum Thema „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ Pfarrer Christian Noeske aus Ketsch gewesen, er sendet herzliche Grüße. Er bemerkt: Das Zusammenspiel der Füße mit dem Körper (natürlich auch aller anderen Körperteile) ist ein hochkomplexer Prozess, der viel Achtsamkeit füreinander erfordert.

Fabel der Antike

Eine Fabel der Antike überlegt, wie es wäre, wenn unsere Körperteile sprechen könnten. Und würden das folgende Gespräch miteinander führen: „Ich habe keine Lust mehr“, sagt das Ohr, „immer nur zuzuhören. Darum sage ich: Ab sofort – erst mal ich!“ Danach meldet sich der Fuß: „Ich finde es auf die Dauer unerträglich, die ganze Last des Körpers zu tragen. Darum sage ich: Ab sofort – erst mal ich!“ Auch die Hand lässt sich vernehmen: „Ich soll immer alles begreifen, anfassen und anpacken. Mir langt es! Darum sage ich: Ab sofort – erst mal ich!“

Auch das Auge hat keine Lust mehr, alles mitansehen zu müssen. Und die Nase kann die anderen ohnehin schon lange nicht mehr riechen. Schließlich ist der ganze Körper lahmgelegt, weil alle sagen: erst mal ich!

So ähnlich geht die Fabel. Der Apostel Paulus hat sie in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth aufgegriffen. Und auf die dortige Gemeinde angewendet. In Korinth gab es offenbar einigen Streit. Die einen fühlten sich den anderen überlegen. Und wollten deshalb bevorzugt behandelt werden. Paulus geht dagegen vor, indem er die Gemeinde beschreibt als einen Körper, der aus vielen Teilen mit unterschiedlichen Aufgaben besteht.

Es geht genau umgekehrt

Ihr seid der Leib Christi, sagt er, und jeder Einzelne ein Teil davon. Geht achtsam miteinander um. Es kann nicht sein, dass sich der eine vom anderen abgrenzt nach dem Motto: erst einmal ich! Es ist nämlich genau umgekehrt, sagt Paulus: Wenn es einem Teil schlecht geht, dann leiden alle anderen Teile mit. Und wenn ein Teil besonders gewürdigt wird, dann gilt das für alle anderen auch.

Das Miteinander klappt nur, wenn alle mitmachen und gegenseitig achtsam sind. Keiner ist alles. Jeder hat sein Talent und seine Begabung. Und es kommt nicht darauf an, dass alle dasselbe machen, sondern jeder, was er kann.

Ich finde, das ist ein anregendes Bild, das Paulus da verwendet. Mit einer Vision, von der man sich für unsere Gegenwart durchaus etwas abgucken könnte, vielleicht sogar muss. Wo es doch modern geworden ist zu sagen: „Ich zuerst!“

Denn auch unsere Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn gewährleistet ist, dass sich die einen für die anderen verantwortlich fühlen. Kein Einheitsbrei soll das sein, bei dem alle nach derselben Melodie singen. Aber doch so, dass ein gemeinsames Körpergefühl für das Ganze entsteht. Das Motto „ich zuerst“ ist dafür denkbar schlecht geeignet. Es sollte lauten: „Wir alle achtsam miteinander.“ Dann kann es funktionieren. „Achtsamkeit ist – vorsichtig ausgedrückt – oft unterschätzt.“

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