Oftersheim

1000 Bäume für Oftersheim Bauhof hat bisher noch keine Jungpflanzen bekommen

Robinien harren meist noch zu Hause aus

Archivartikel

Oftersheim.Was ist eigentlich aus den Robiniensamen geworden, die beim Neujahrsempfang an die Besucher verteilt wurden?

Jetzt zeigt sich die Baumart von ihrer reizvollsten Seite: Die hängenden weißen Blütentrauben sind nicht nur ein schöner Anblick, sondern verströmen auch einen intensiven süßlichen Duft. Dieser lockt die Insekten zur Bestäubung und zeigt den Weg zur süßen Nektarquelle. Die fließt in manchen Jahren so reichlich, dass dann ein sortenreiner Akazienhonig gewonnen werden kann. „Akazie ist aber eigentlich ein irreführender Begriff“, erläutert der Forstamtsleiter des Rhein-Neckar-Kreises, Manfred Robens, „richtiger wäre Robinie oder Scheinakazie.“

Dass die Gewöhnliche Robinie zum „Baum des Jahres“ gekürt wurde, war einer der Gründe, weshalb Bürgermeister Jens Geiß und sein Team sich entschlossen hatten, beim Neujahrsempfang Keimlinge an die Besucher zu verteilen.

Bedenklicher Zustand

Den Klimawandel bemerke die Gemeinde „sehr deutlich am bedenklichen Zustand des Waldes“, bedauerte der Bürgermeister in seiner Ansprache Anfang Januar in der Kurpfalzhalle. Daher bekam jeder Gast unter dem Motto „1000 Bäume für Oftersheim“ ein Säckchen mit einem Pflanztopf, Substrat und Samen für eine Robinie.

Sie kann damit punkten, dass sie unter den Aspekten des Klimawandels zu den Gewinnern unter den Baumarten zählt. Man schreibt ihr die Eigenschaft zu, dass sie besonders robust ist, was die klimatischen Bedingungen angeht – wie gemacht also für die langen Hitzeperioden des Jahres ohne Niederschlag, die wohl nicht seltener werden.

Die Idee hinter dem Präsent des Neujahrsempfangs: Die Beschenkten sollen auf der Fensterbank, dem Balkon oder im Garten die Samen aufziehen und wenn die Bäume zu groß werden, pflanzen die Mitarbeiter des Bauhofs die jungen Robinien im Gemeindegebiet – ein Beitrag zum besseren Klima.

Auf Nachfrage unserer Zeitung bei Ulrike Krause vom Umweltamt der Gemeinde und Bauhofleiter Jochen Barisch nach dem Stand der Dinge gab es allerdings eine überraschende Auskunft: Bisher sind noch keine Bäumchen abgegeben worden. Der Grund dafür ist nicht bekannt, allerdings hört man immer wieder, dass die Exemplare noch als zartes Pflänzchen auf der heimischen Fensterbank ihr junges Dasein genießen und ein bisschen Zeit zum Wachsen brauchen. Vielleicht hat auch der eine oder andere Hobbygärtner das gute Stück in den heimischen Garten eingepflanzt – was durchaus ebenso im Sinne der Erfinder ist.

In den Wäldern des Rhein-Neckar-Kreises ist die Robinie jedoch nur selten zu finden. Sie wird derzeit weder durch Pflanzungen in den Wald eingebracht noch wird sie bei natürlichem Vorhandensein aktiv gefördert. Grund dafür ist das andere Gesicht, das diese Baumart präsentiert: Die Erfahrungen der Förster aus der Praxis haben gezeigt, dass die Einbeziehung in unsere Wälder hierzulande mit Problemen verbunden und im Einzelfall genau abzuwägen ist. An manchen Standorten verdrängt sie nämlich andere Pflanzenarten und verändert dadurch heimische Ökosysteme und Pflanzengesellschaften in ihrer Zusammensetzung, was ihr die Einstufung als „invasive Art“ beschert hat – die Kehrseite ihrer Robustheit.

Dies liegt einerseits an ihrem hohen Vermehrungspotenzial durch Stockausschlag und Wurzelbrut, andererseits besitzt sie die Fähigkeit, Stickstoff aus der Luft mit Hilfe von Knöllchenbakterien im Wurzelraum zu binden. Dies bringt ihr den Vorteil, dass sie auch mit nährstoffärmeren Bodenverhältnissen zurechtkommt.

Auch in Oftersheim hat man den Bäumen an einigen Stellen den Kampf angesagt, wo sie ihre negativen Eigenschaften entfalten. So ist die Natur-AG mit Kindern und Jugendlichen der beiden Schulen am Ort unter der Leitung von Peter Rösch und Holger Hitzelberger seit einigen Jahren dabei, eine große, mit Robinien und Brombeeren verwachsenen Fläche am Hang hinter der Karl-Frei-Sporthalle in eine Freifläche zu verwandeln. Zweck ist es, eine Blühwiese zu schaffen, um die Insekten – insbesondere die Bienen – anzulocken. Auch die Friedenshöhe, Teil des Naturschutzgebiets, soll robinienfreie Zone werden. Denn auf dem sandigen Untergrund entfalten sich die negativen Eigenschaften in Gänze.

Und auch wenn es im ersten Moment so erscheinen mag – das steht nicht im Gegensatz zu der Aktion „1000 Bäume für Oftersheim“. Sie sollen irgendwann an Stellen stehen, wo Bäume für den Klimawandel wohl gewappnet sind, sie wachsen schnell und bieten Insekten genug Nahrung, erläuterte Bürgermeister Geiß auf die Nachfrage von SPD-Gemeinderat Jens Rüttinger bei einer Gemeinderatssitzung. Auch bezüglich der Pflanzstellen habe man sich mit dem Bauhof abgestimmt. Hier gebe es genügend geeignete Standorte.

Unterschiedliche Kriterien

Es gibt keine bestimmten Kriterien, nach denen der Baum des Jahres ausgewählt wird.

Mal ist es die Seltenheit, mal eine Bedrohung, mal die Wichtigkeit für die Landschaft, mal die Bedeutung für die Holzerzeugung. Grundsätzlich kann jede Baumart den Titel „Baum des Jahres“ tragen. az/zg

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