Plankstadt

Zeitzeuge Werner Wohlfahrt erzählt von Tieffliegerangriffen und davon, wie er als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt hat / In der Zeit danach ging es nur ums Überleben

„Plötzlich sind Bomben runtergefallen“

Archivartikel

Plankstadt.Werner Wohlfahrt war gerade einmal drei Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Sein Vater zog als Soldat nach Russland, mit seiner Mutter musste er seine Heimat Trier verlassen, die später in Schutt und Asche liegen sollte. Im zarten Alter von neun Jahren erlebte er nicht nur mehrere Bombenangriffe mit, sondern sah auch dabei zu, wie ein Soldat der Alliierten erschossen wurde. Im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet er, wie er als Kind den Krieg miterlebte und wie schwer die Zeit danach war.

„Wir waren als Kinder damals mehr in der Realität, als das heute der Fall ist. Denn wenn der Vater im Krieg kämpft und die Mutter sich alleine um alles kümmern muss, sind die Kinder auch mehr in das tägliche Leben eingebunden“, erklärt Wohlfahrt, der heute in Plankstadt lebt. Der Krieg war hautnah – natürlich wussten die Kinder, was Krieg ist und was er für sie bedeutet. So auch Wohlfahrt, der damals mit seiner Mutter in einem großen Haus in Trier wohnte. Sein Vater war im Krieg in Russland, „wobei alles, was jenseits der Grenzen war, damals Russland hieß“.

„Im Herbst 1944 kam die Front langsam näher. Trier stand unter Artilleriebeschuss, wir hörten die Raketen vorbeirauschen. Es gab Einschläge – irgendwo, nicht direkt bei uns, da wir am Stadtrand wohnten. Ich erinnere mich besonders an einen Tag im Jahr 1944, als Trier einen schweren Bombenangriff mitmachte“, beginnt der 84-Jährige zu erzählen. Er spielte draußen auf der Straße und wie üblich zogen große Schwärme von Flugzeugen über den Himmel Richtung Osten, meistens in Richtung von Industrieschwerpunkten wie Mannheim und Ludwigshafen oder Schweinfurt.

Ein einziges Flammenmeer

„Aber an dem Tag sah der Schwarm von Flugzeugen plötzlich anders aus. Man kann sich das nicht vorstellen, wenn plötzlich gleichzeitig 100 oder 200 Flugzeuge mit engem Abstand am Himmel fliegen – da bebt die Erde unter dem Dröhnen der Motoren. Ich schaute rauf und plötzlich blitze etwas Eigenartiges unter den Flugzeugen auf. In dem Moment wurde mir klar, dass da Bomben runterfallen.“

Schnell rannte Wohlfahrt ins Haus zu seiner Mutter und versteckte sich mit ihr im Keller. Die Bomben haben ihn glücklicherweise nicht getroffen, aber Spreng- und Brandbomben verwandelten die Innenstadt in ein einziges Flammenmeer. Die Artilleriebeschüsse kamen immer näher und Ende 1944 musste Trier geräumt werden. „Alle Bewohner sollten sich zum Bahnhof begeben. Dort standen Züge bereit, die die Menschen abtransportieren. Dabei war aber nicht klar, wohin überhaupt. Wer blieb, bekam keine Lebensmittelkarten mehr, mit denen damals wichtige Nahrungsmittel wie Mehl oder Zucker zugeteilt wurden“, meint Wohlfahrt. Seine Mutter wollte allerdings nicht in einen Zug einsteigen, der ins Unbekannte fährt. Durch die Beziehung seines Vaters konnten Mutter und Sohn mit nichts als einem Köfferchen im Gepäck schließlich auf der Ladefläche eines Lastkraftwagens mit nach Wiesbaden fahren. Der Onkel besaß dort – in Wiesbaden-Biebrich – eine Weinkellerei, wo beide zunächst unterkamen.

In der Weinkellerei erlebte Wohlfahrt die Bombenangriffe auf die nahe gelegenen Dyckerhoff-Zementwerke. Drei größere Industriebetriebe in der Umgebung wurden damals bombardiert. Wohlfahrt saß im Keller – alles vibrierte und rumste. „Ich wusste nicht: Schlägt die nächste Bombe bei uns ein oder nicht? Es war ein ständiges Leben in Angst, alles bebte und bewegte sich. Wir sind zum Glück nach wenigen Wochen von dort weggekommen und in das Gutshaus meines Onkels gezogen“, beschreibt er die Situation. Er und seine Mutter wohnten in diesem Haus in einer kleinen Wohnung mit zwei winzigen Zimmern. Das Gutshaus stand in einem kleinen Dorf, das von nun an die neue Heimat des Neunjährigen sein sollte.

„In Trier bin ich zwei Jahre zur Volksschule gegangen. In dem Dorf, in dem wir dann lebten, gab es eine Dorfschule mit einem Lehrer und acht Klassen, aufgeteilt in zwei Abteilungen. Der Lehrer sprang zwischen den Schülern hin und her “, erinnert sich der 84-Jährige. Unterricht hatte er damals kaum. Eine große Maikäferplage beschäftigte die Menschen. Propagiert wurde, dass die Amerikaner die Maikäfer von den Flugzeugen abgeschmissen hatten, um Verheerung anzustiften. Woher die vielen Maikäfer tatsächlich kamen, ist nie geklärt worden. Die Schulzeit der Kinder bestand jedenfalls meist darin, auf die Felder zu gehen und die Käfer einzusammeln.

„Die Zeit zog sich so dahin und dann war es 1945. In diesem Jahr gab es einen Tieffliegerangriff auf ein nahe gelegenes Kloster, in das die SS eingezogen war“, berichtet Wohlfahrt. „Dieses Kloster lag nicht weit vom Ortskern entfernt und eines Mittags schaute ich raus aufs Tal, in dem das Kloster und ein bisschen weiter eine Fabrik lag. Meine Mutter war dienstverpflichtet und musste in dieser Fabrik arbeiten. Ich war also alleine zu Hause und plötzlich kamen diese Flieger. Alarm gab es in dem Dorf nicht, wir hatten keine Sirenen. Die Flugzeuge flogen tief über die Häuser und bombardierten das Kloster. Der Spuk war relativ schnell vorbei, dauerte vielleicht 15 oder 20 Minuten“, erzählt Wohlfahrt, wie er als Kind den Tieffliegerangriff wahrgenommen hat. Menschen wurden damals recht wenige verletzt, da sich die meisten zur Mittagszeit in der Kantine befanden.

Flugzeuge werfen Leuchtmittel ab

Damit in Zusammenhang gebracht werden kann ein weiteres Erlebnis: Eine Woche vorher sei plötzlich nachts alles taghell erleuchtet gewesen. Flugzeuge hätten Leuchtmittel abgeworfen – offensichtlich haben die Piloten Bilder von der Umgebung gemacht, um das Kloster später genau treffen zu können. „Eine Woche nach dem Angriff waren wieder Flugzeuge im Anflug. Sie haben wohl fotografiert, was sie angerichtet haben. Dazwischen war eine Flakstellung – eines der Flugzeuge wurde abgeschossen; der Pilot rettete sich mit einem Fallschirm. Die deutschen Soldaten sind dann losgezogen, um den Piloten zu finden. Und sie haben ihn gefunden und erschossen.“ Das alles hat Wohlfahrt hautnah mitbekommen – im Alter von neun Jahren.

Das Dorf wurde schließlich unter Artilleriebeschuss genommen. „Bei einem Bombenangriff, da rumst das einmal ziemlich stark und dann ist es vorbei, aber so ein Artilleriebeschuss dauert zwei bis drei Tage lang. Ab und zu kommt mal eine Granate und schlägt irgendwo ein und dann ist wieder Ruhe – zwei Minuten oder zehn Minuten oder eine halbe Stunde bis die nächste kommt“, beschreibt er den Angriff auf das Dorf. Oft verfehlten die Bomben nur knapp das Gutshaus – nur fünf Meter entfernt riss eine Bombe die komplette Seite des Nachbarhauses auf.

Dann zogen die letzten deutschen Soldaten raus mit den Waffen, die sie noch hatten. Nicht lange darauf kamen die Amerikaner und nahmen das Dorf ein – das war das Kriegsende. „Aber damit nahm das Elend kein Ende. Nach dem Krieg fing es eigentlich erst richtig an, weil es nichts mehr gab. Es gab nicht mehr genug Essen, alles war zerstört und kaputt. Industriebetriebe, Städte, Dörfer und Häuser lagen in Schutt und Asche. Mein Vater war in Kriegsgefangenschaft, was uns natürlich niemand mitteilte. Wir wussten nicht, ob er noch lebte oder nicht“, erzählt er, dass die Nachkriegszeit mindestens genauso schwer war wie der Krieg selbst.

Der Vater kam schließlich aus der Gefangenschaft, wog gerade noch 48 Kilogramm und „war nur noch Haut und Knochen“. Damals sei es nur darum gegangen, etwas zu Essen zu finden. Das war nicht einfach, denn selbst das Wenige, was auf den Lebensmittelmarken stand, war nicht unbedingt verfügbar. „Wir sind über die Felder gelaufen und haben in der Erde nach Kartoffeln gesucht, die von der Ernte übrig waren. Brennnessel haben wir gepflückt und daraus Salat gemacht. Man war froh, dass man am Leben war und nur darum ging es – ums Überleben. Es ging nicht darum, Zukunftspläne zu schmieden oder darüber nachzudenken, was der Vater für eine Arbeit haben könnte. Er arbeitete für 75 Pfennige Stundenlohn auf den Feldern, weil er dort Schwerarbeiterzulage und deshalb mit den Marken etwas mehr Essen bekam, um wieder ein wenig zu Kräften zu kommen“, erzählt der 84-Jährige weiter.

Erstklässlern das ABC beibringen

Ein weiteres Thema war die Bildung. Irgendwann fing die Schule wieder an. Wohlfahrt war zu diesem Zeitpunkt nur zwei vollständige Jahre in der Volksschule gewesen, die Zeit lief aber weiter. Als der Schulbetrieb der Dorfschule wieder aufgenommen wurde, ging er dort hin. Als einer der älteren Schüler war er dafür zuständig, den Erstklässlern das ABC beizubringen. „Das nächste Gymnasium war in Wiesbaden und mein Vater sagte: ,Lass den Bub ein Handwerk lernen, wir brauchen keine Wissenschaftler, sondern Menschen, die was schaffen können, denn es ist alles kaputt.’ Und so war es: aussichtslos und kaputt. Mit Mühe und Not habe ich im zweiten Anlauf die Aufnahmeprüfung auf die Mittelschule bestanden, an Abitur war nicht zu denken“, erklärt Wohlfahrt. 1949 habe sein Vater dann wieder eine Beschäftigung in Frankfurt gefunden und dort sei die Familie dann hingezogen.

„Die Verhältnisse in der Corona-Krise sind schlimm und in dieser Form noch nie da gewesen, aber es gab eine Zeit, in der es Millionen Menschen auf der Welt miserabel ging, weil alles kaputt war. Damals waren wir in einer hoffnungslosen Situation – man konnte sich nicht vorstellen, dass sich das Leben wieder normalisiert, weil alles in Trümmern lag. Es hat sich aber alles letztlich beruhigt. Nach Jahren öffneten die ersten Industriebetriebe wieder.“ Bis die Männer aus der Gefangenschaft zurückkamen, das habe zum Teil bis in die 1950er Jahre hinein gedauert. Deshalb seien wir heute trotz aller Einschränkungen relativ gut dran.

„Betriebe, Unternehmen und Gaststätten kommen natürlich in Schwierigkeiten – aber es ist so ähnlich wie im Märchen Dornröschen. Es ist alles noch da, nur steht es aktuell still. Wenn es dann wieder losgehen kann und alles wachgeküsst wird, muss nicht erst alles aufgebaut werden. Ich will die Situation aber auf keinen Fall verharmlosen, sondern ein bisschen Mut machen: Es ist nichts verloren. Es ist alles noch da“, sagt Werner Wohlfahrt abschließend.

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