Schwetzingen

Landgericht Verhandlung rund um Familienstreitigkeiten im Ostpreußenring hat begonnen / Rächt der Bruder vermeintliche Gewalt an seiner Schwester?

21-Jähriger sticht seinen Schwager nieder

Vor der Strafkammer des Landgerichts Mannheim begann am Dienstag der Prozess gegen einen 21-jährigen Mann aus Sandhausen, dem die Staatsanwaltschaft versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung vorwirft. Der Iraker soll am frühen Abend des 16. August vergangenen Jahres in einem Mehrparteienhaus im Ostpreußenring in Schwetzingen einen 32-Jährigen, der mit seiner Schwester nach islamischem Recht verheiratet ist, mit neun Messerstichen in den Rücken schwer verletzt haben (wir berichteten).

Der in Untersuchungshaft einsitzende Angeklagte soll damals in der Wohnung des Paares aufgetaucht sein, weil er zuvor von seiner Schwester über neuerliche häusliche Gewalt durch seinen Schwager informiert worden sei, führte Oberstaatsanwalt Peter Lintz in der Anklageschrift aus. Vorher habe er dem 31-Jährigen über eine Messenger-Nachricht angekündigt, dass er nach Schwetzingen kommen und die Sache „unter Männern klären“ wolle. Der Angriff mit einem Klappmesser soll sich im Treppenhaus zugetragen haben, als der 32-Jährige vor seinem Schwager hergelaufen sei. Weitere Stiche vor der Eingangstür habe das Opfer abwehren können.

Die Tat könnte sich auch als versuchter Mord darstellen, weil der Geschädigte arg- und wehrlos gewesen sei, erklärte der Vorsitzende Richter Gerd Rackwitz. Der 21-Jährige, der von den Rechtsanwälten Andrea Combé und Christof Betzer vertreten wird, machte am ersten Verhandlungstag noch keine Angaben zum Tatvorwurf. Er war im Juli 2015 mit seinem älteren Bruder nach Deutschland gekommen und hatte die ersten Monate in Asylbewerberheimen in Duisburg, Karlsruhe und Mannheim verbracht. Die Eltern waren im Irak geblieben, mit ihnen hält er telefonisch Kontakt, sein Vater ist dort Schulleiter. Zuletzt hat er von Sozialhilfe gelebt. „Ich nehme keine Drogen, aber ich trinke manchmal gerne Alkohol“, sagte der junge Mann, der sehr gut Deutsch spricht. Beim Prozess vor dem Schwurgericht waren für die Zeugenaussagen auch drei Dolmetscher für Türkisch und Kurdisch anwesend.

Nachbarn sagen aus

Vier Streifenwagen hatten an jenem Abend den Tatort angefahren, nachdem zunächst eine Schlägerei gemeldet worden war, berichtete ein 42-jähriger Polizeibeamter des Reviers Schwetzingen. Der Angeklagte habe „blutverschmiert dagestanden“. Ein Zeuge habe auf ihn gedeutet. Der 21-Jährige habe sofort gestanden, er habe auf seinen Schwager eingestochen. Er habe sich widerstandslos festnehmen lassen. Das Opfer habe stark geblutet, vor der Eingangstür zum Wohnhaus gelegen und bis zum Eintreffen des Notarztes von Ersthelfern versorgt worden, so der Beamte. Der 21-Jährige habe die Tatwaffe auf einem Müllcontainer abgelegt gehabt.

Die Ehefrau des Opfers soll einige Tage zuvor einen Strafantrag wegen häuslicher Gewalt gegen ihren Mann zurückgenommen haben. Der Angeklagte soll mit seinem Vater am Telefon darüber gesprochen haben, dass sein Schwager die Schwester öfters schlagen würde.

Ein 34-jähriger Nachbar gab zu Protokoll, er habe zwei Männer „gegenseitig im Schwitzkasten“ gesehen. Beide seien dann hinter einem Baum verschwunden. Als der 32-Jährige verletzt vor dem Eingang gelegen habe, sei seine Frau neben ihm gekniet. Ein 50-jähriger türkischer Hausbewohner berichtete, dass die Frau „in Panik“ bei ihm geklingelt habe. Er sei sofort im Treppenhaus nach unten gegangen und habe dort den Schwerverletzten vorgefunden. Er habe ihm Kompressen auf den Rücken gedrückt, um die Blutungen zu stillen. Das Opfer habe er vom Sehen gekannt, den Angeklagten auch öfters wahrgenommen, so der Zeuge. „Meine Schwester ist nicht alleine, sie hat einen Bruder“, soll der 21-Jährige unmittelbar nach der Tat gesagt haben.

Der Nebenkläger, der von Rechtsanwalt Mamet Acar vertreten wird, sagte als letzter Zeuge aus. Der Angeklagte habe oben an der Wohnung geklingelt. Weil seine Tochter einen etwaigen Streit nicht hören sollte, sei er mit ihm nach unten gegangen. Im Treppenhaus habe sein Schwager dann plötzlich zugestochen. Er habe den 21-Jährigen noch an der rechten Hand, in der er das Messer hatte, festgehalten und ihn in die linke Hand gebissen. Dann habe er ihn nach draußen gezogen: „Ich wollte, dass die Leute uns sehen.“ Er habe seinen Schwager immer wieder aufgefordert, sich nicht in die Ehe einzumischen und ihm sogar Hausverbot erteilt. „Ich habe ihn nicht für einen Feind gehalten und ihm sogar eine Ausbildung besorgt“, meinte der 32-Jährige, bei dem durch die Messerstiche die Lunge und beide Nieren verletzt worden waren. Seine Frau habe er nicht geschlagen. Er habe ihr nur einmal den Mund zugehalten, weil sie über seine Mutter geschimpft habe.

Widersprüche nach Akteneinsicht

Die Beweisaufnahme gestaltete sich überaus schwierig. Oberstaatsanwalt Peter Lintz und Verteidigerin Andrea Combé hielten dem Geschädigten frühere Aussagen bei der Polizei vor. So soll er bei einer ersten Vernehmung gesagt haben: „Meine Frau hat ihrem Bruder geholfen, aber mir nicht.“ Einen Tag vor der Tat soll das seit 2013 verheiratete Paar im Jesiden-Haus in Köln gewesen sein. Dort soll der 32-Jährige im Beisein von zwölf Männern auf einen „heiligen Stein“ geschworen haben, seine Frau nie mehr zu schlagen. Auf der Rückfahrt von Köln soll er aber seinem Schwager gegenüber geäußert haben, er werde sie weiter prügeln. In einem Schreiben des Jugendamtes war dem Paar wegen der Ehestreitigkeiten im Beisein der Kinder kurz vorher ein Beratungsgespräch angeboten worden. Der 32-Jährige blieb am Dienstag bei seiner Aussage, er habe seine Frau nie misshandelt. Die Polizei habe ihr empfohlen, in ein Frauenhaus zu gehen, sie sei aber geblieben. Die Scheidung habe sie auch nicht gewollt.

Der Prozess wird am Donnerstag, 14. Januar, um 9 Uhr mit den Aussagen von Rechtsmedizin, Kriminaltechnik und Kripo fortgesetzt.

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