Schwetzingen

Als die Wildnis ein Festplatz war

Archivartikel

Das Theater am Puls startet an diesem Samstag mit seinen Open-Air-Vorführungen im Seepferdchengarten des Schwetzinger Schlossparks. Damit schlägt die kleine Bühne eine Brücke zur Stadtgeschichte. Denn in der Wildnis, wie der Bereich von vielen genannt wird, gab’s über Jahrzehnte hinweg Kultur und Sport. Schulfeste wurden gefeiert, Wettkämpfe abgehalten, Hundeschauen fanden statt und sogar gezeltet wurde dort. Legendär waren die Vereinsfeste, etwa die Trachtenfeiern des Bayernvereins „D’ Kurpfalzbuam“ und die Veranstaltungen der Schwetzinger Gesangsvereine, die Tausende Gäste anlockten.

Der Ur-Schwetzinger Oskar Hardung wohnte selbst diesen Feiern bei und erzählt an dieser Stelle davon:

Lange Jahre war der Seepferdchengarten, bei der Schwetzinger Bevölkerung nur als Wildnis bekannt, der Festplatz für alle größeren Festveranstaltungen. Gemütliche Atmosphäre unter großen schattenspendenden Bäumen, fast immer mit Servela-Brötchen und meistens „Schwanengold“-Bier vom Fass, das mit Stangeneis gekühlt wurde, sowie Bewegung waren in der Wildnis garantiert. Bewegung deshalb, denn bei Einbruch der Dämmerung machten sich ganze Wolken von Schnaken über zur Abwehr wild fuchtelten Besuchern her.

Bekannt und beliebt waren die Wildnisfeste, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg von den Schwetzinger Gesangvereinen 1854 Sängerbund, dem Arbeiter-Gesangverein (AGV) und dem Liederkranz veranstaltet wurden. Beim Eingang in der Forsthausstraße stand rechts ein Pavillon, in dem das „Schwanengold“- Fassbier in Tonkrüge ausgeschänkt wurde. Die Menschen feierten, tanzten, spielten und sangen gemeinsam und viel. Meist trug ein Verein die Verantwortung und die anderen kamen zum Feiern beziehungsweise trugen mit ihren Gesangsbeiträgen zur Unterhaltung bei.

Süßes in luftiger Höhe

1958 waren neben den drei Schwetzinger Gesangvereinen auch Vereine aus Oftersheim, Plankstadt, der Bayernverein „D’Kurpfalzbuam“ in Miesbacher Originaltracht, die Bergkapelle aus dem Saargebiet Fischbach-Camphausen mit ihrer malerischen Bergmannsuniform zu Gast. Bürgermeister Hans Kahrmann und Vorsitzender Karl Imhof bedankten sich überschwänglich bei den Knappen, für die Uraufführung der Schwetzinger Schlosspark-Ouvertüre von Albert Bastian. Mit stehenden Ovationen und dem gemeinsam gesungenen Steigerlied nahmen sie das Versprechen mit, der Sängerbund werde sie in nächster Zeit besuchen. Der Sängerbund war dann auch mit 180 Sängern in Fischbach zu Besuch.

Zur Volksbelustigung gab es auch einen zirka zehn Meter hohen Kletterbaum, der oben mit Süßigkeiten bestückt war. Die Jugend war bestrebt, etwas Süßes in luftiger Höhe zu ergattern. Wer’s deftiger mochte, versuchte, Würste an einer Angel hängend zu schnappen. In der Nacht begleiteten „Ahs“ und „Ohs“ des Publikums die Feuerwerke. 2000 Besucher zählte das „große Sommernachtsfest“, wie es genannt wurde, damals.

Das Jahr drauf, 1959, gehörten die 314. US-Army Band unter der Leitung von Chief Warrant Officer Kenneth Barner und die Dachauer Knabenkapelle zu den Gästen. In der Knabenkapelle spielten nicht nur 118 Buben, sie hatten sogar ein Mädchen als Trompeterin dabei, die sich durch ihr solistisches Können auszeichnete. Schnell hatte sich das Wildnisfest der Sänger einen Namen gemacht: „Alle Anzeichen sprechen dafür – es wird das Gartenfest des Jahres!“ Das schrieb diese Zeitung am 13. Juli 1961 über die „populäre Gemeinschaftsveranstaltung der drei Schwetzinger Gesangvereine. Die US-Army Band trat genauso wieder auf wie etliche Chöre, der Eintrittspreis „mit 50 Pfennig wurde bewusst volkstümlich gehalten“.

Glück hatten die Veranstalter in Bezug auf das Wetter allerdings nicht immer: 1962 beispielsweise fiel das fünfte Wildnisfest ins Wasser, sodass Unterhalter und Besucher – auch hier kamen um die 2000 – aufgrund des Regens in den südlichen Zirkel flüchten mussten. Die Kapelle Paul Maisenhölder – Ehemann der langjährigen Stadträtin und Bürgermeisterstellvertreterin Marie Maisenhölder – die Stadtkapelle, die Brühler Kapelle mit Kapellmeister Triebskorn und die Ladenburger Stadtkapelle mit Kapellmeister Diez samt Besucher spielten auf.

Großen Anklang fanden auch die „Lustigen Fünf“, eine Schwetzinger Gruppe mit den Brüdern Oskar, Manfred und Herbert Hauser, Philipp Faulhaber und Egon Braun an der Gitarre bei einer Sängerbund-Veranstaltung in der Wildnis.

Die Ballettschule Maxi Freyschmitt zeigte 1952 ihr Können bei den Sängern. Aus Frankenthal kam auch die Wurstmarktkapelle, also es gab keine Langeweile bei der musikalischen Unterhaltung. Notfalls wurde abends spät Schallplattenmusik geboten. Bei der unvergessenen 100- Jahr-Feier mit großem Festzelt auf dem alten Sportplatz im Schlossgarten musste die Wildnis als Vergnügungspark aushelfen.

Einmal wurde versucht, die Freiburger Passionsspiele in Schwetzingen zu etablieren. Mitglieder des Sängerbundes wurden in Bettlaken gehüllt und zu Schauspielern getrimmt. Man kalkulierte mit bis zu 3000 Besuchern, aber nur ein kleines Häuflein verlor sich im weiten Rund der Wildnis. Lag es am Regisseur, den Schauspielern oder an den Schwetzinger Schnaken? Jedenfalls: Passionsspiele gab es nie mehr in der Stadt! 

Info: Eine Mediengalerie mit alten Fotos und Artikeln gibt es unter www.schwetzinger-zeitung.de

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