Schwetzingen

Gedenkstunde In der Stadtkirche wird an die Opfer der Reichskristallnacht vom 1938 gedacht / Hebel-Schüler finden einfühlsame Worte

Antisemitismus ist nicht „vorbei“

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, der sogenannten Reichskristallnacht, geschah tiefes und unzählbares Leid an der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, auch in Schwetzingen. Daran galt es zu erinnern und zugleich zu bedenken, wie Hass und Ablehnung in Zukunft zu begegnen ist. Zu diesem Anlass versammelten sich Interessierte am Abend des 9. November in der evangelischen Stadtkirche.

Die Gedenkstunde wurde vorbereitet von einer Arbeitsgruppe aus den christlichen Kirchen, dem DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund), der Stadt Schwetzingen und dem Hebel-Gymnasium. Nach der Begrüßung durch Pfarrer Mathis Goseberg übernahm Oberbürgermeister Dr. René Pöltl mit eindringlichen und persönlich gehaltenen Worten die Aufgabe, zu gedenken und zu mahnen. Für ihn sei, so führte er aus, in dem vergangenen Jahr, nicht zuletzt durch persönliche Begegnungen in Israel selbst, klar geworden, wie verunsichert das Leben der Juden außerhalb von Israel von den dort lebenden Juden empfunden würde, besonders durch die antisemitischen Vorfälle der zurückliegenden Monate. Zu dieser Einsicht verholfen habe ihm unter anderem der bekannte israelische Schriftsteller und Friedensaktivist David Grossmann mit seinem Hinweis, dass die Rede vom „damals“ nicht heißen könne, dass es heute „vorbei“ sei, sondern dass Antisemitismus immer noch existiere. Das verpflichte uns, wach zu sein und zu bleiben. Beides – erinnern und weitertragen – vereinten dann die Schüler des Neigungskurses Religion mit ihrem Lehrer Dr. Henning Hupe, als sie in Kurzporträts an das Leben von sechs Schülern aus der Religionsklasse des Lehrers der jüdischen Gemeinde in Schwetzingen erinnerten. Sie hatten sich im Unterricht unter Anleitung von Schuldekan i. R. Kurt Glöckler vorbereitet. Von einem Gruppenfoto einer Religionsklasse aus dem Jahr 1932, die der Kantor und Religionslehrer der jüdischen Gemeinde in Schwetzingen aus den Orten Brühl, Hockenheim, Ketsch, Reilingen und Schwetzingen zusammengefasst hatte, wählten sie sich sechs Kinder und Jugendliche verschiedenen Alters aus. In ihrem Vortrag zu den Fotos begleiteten sie in Gedanken und mit einfühlsamen Worten die Lebensläufe von Religionslehrer Heinrich Bloch, von Ruth, Lore, Max, Martha, Herta und Ernst. Ihr junges Leben und, soweit sie die Vernichtung überlebten, auch ihr Erwachsenensein bis ins hohe Alter mussten von kindlicher Fröhlichkeit bis zu Vertreibung und Rettung, aber auch von Verschleppung und Tod handeln.

Innehalten vor dem Betsaal

Ruhe und Zeit zur Besinnung stellte sich dann mit dem Geläut der Glocke und einer Schweigeminute ein. Es folgten eine Litanei, in der vieler Opfer gedacht wurde und die begleitet war von Schein der Gedenkkerzen auf dem Altar, und das Abschlussgebet, verbunden mit persönlichen Worten, durch Diakon Steffen Haubner.

Schon durch ihren musikalischen Beitrag am Anfang der Gedenkstunde hatten die Musikerinnen Almut-Maie Fingerle (Sopran) und Almut Werner (Flöte) mit Kirchenmusikdirektor Detlev Helmer (Orgel) mit dem jiddischen Lied „Still, die Nacht ist voller Sterne“ die Wortbeiträge mitgetragen. Nun entließen sie die Teilnehmer mit einen gesungenen „Kadisch“-Gebet in die Nacht zum Gang zu den Gedenksteinen vor dem letzten Betsaal der jüdischen Gemeinde. Dort erinnerte Joachim Hartung an die nahezu 30 Jahre alte Tradition des Gedenkens an diesem Ort und sprach zum Abschluss das Gedicht von Melanie Serbu aus Haifa: „Frieden, du kommst“.

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