Schwetzingen

Schloss Als „Kammermensch“ Bärbel führt Christine Lerch durch die Räume der Sommerresidenz / Neue Reihe im Angebot der Staatlichen Schlösser / „Der Hof kommt“ bietet schöne Anekdoten

Auch im Schlafzimmer empfängt der Kurfürst Gäste

„Ich bin die Bärbel und ein Kammermensch. Weil der Kurfürst mit dem gesamten Hofstaat im Mai kommt, muss jetzt das Schloss geputzt werden. Eigentlich ist es sauber genug, aber Sie wissen ja, die Herrschaften wollen einen ja nur schikanieren ...“ Als waschechte Kurpfälzer Babblerin führte Christine Lerch alias „Kammermensch“ Bärbel im Gewand einstiger Tage mit Haube, Schürze und einem Korb in der Armbeuge mitten hinein ins Thema „Der Hof kommt“. Leider fanden sich wenig Interessierte zur neuen Führungsreihe durch die Schlossinnenräume. Das mag mit Sicherheit am schönen Wetter gelegen haben, wo die Besucher am vergangenen Samstag den Schlosspark und die japanischen Kirschbäume vorzogen. Interessant war der Rundgang allemal, gewährte er doch Einblicke in das Hofleben aus der Perspektive einer Frau niederen Rangs.

Wer zum Kurfürsten wollte, musste warten, dafür waren ja die Vorzimmer da, erklärte die Schlossführerin. Das erste war für Bürgerliche bestimmt. Hier gab es ein Gemälde, das eine der Lieblingsbeschäftigungen bei Hofe abbildete, das Jagen. Der Kurfürst und sein Hofstaat haben es natürlich auf Großwild abgesehen, „wir, das gemeine Volk, därfe eh net jage, höchstens Karnickel“. Aus dieser Zeit stammt auch die Wendung „durch die Lappen gehen“, denn es war üblich, dass Wildschweine oder Hirsche in einen von Leinen hängenden Stofflappen begrenzten Weg direkt vor die Flinten des Kurfürsten und seiner Gäste getrieben wurden. Sind die Tiere durch diese entwischt, waren sie „durch die Lappen gegangen“.

Kammerdiener lebt spartanisch

Aber nun musste Bärbel zügig weitermachen, denn „der Hofstaat kummt vun Mannem, die dua rischdisch umziehe, Meewel honse a debei“. Gemeinsam mit den Gästen erkundete sie die Gemächer des Kurfürsten-Ehepaars, verriet manch Intimes aus deren Leben und nutzte die Gelegenheit, sich über ungerechte Behandlung zu ärgern oder sich über Kuriositäten zu amüsieren. Vom Vorzimmer führte der Rundgang zur Hofloge der Schlosskapelle und zur spartanischen Schlafstelle des Ersten Kammerdieners, der auf den Kurfürsten „uffbasse musste, doch hat er schunn ‘ne eigne Wohnung, net dass ihr meent, der wohnte do“. Wer als Adeliger auf eine Audienz wartete, durfte ins zweite Vorzimmer.

Auch im Schlafzimmer empfängt Carl Theodor Gäste, erzählte Bärbel, das war damals kein so privater Raum, eher ein öffentlicher. Auf dem Kaffeetisch standen drei Tassen bereit, „hier frühstückte er mit seiner Frau und mit Pater Seedorf“, so Bärbel. Zwischen dem Appartement des Kurfürsten und dem seiner Frau, der Kurfürstin Elisabeth Auguste, gibt es ein Konferenzzimmer. Hier erledigte der Kurfürst seine Staatsgeschäfte, hier fielen auch wichtige politische Entscheidungen, darunter 1776 die Aufhebung der Folter in der Kurpfalz. Danach führte Bärbel die Besucher in das Schlafzimmer der Kurfürstin Elisabeth Auguste, wo sich verborgen hinter einer Tapetenwand die Toilette befand, „den Kübler müssen wir nach dem Stuhlgang entsorgen“, rümpft Bärbel angeekelt die Nase. An der Seite Carl Theodors hatte die Kurfürstin eine bedeutsame Position, das konnte man an einem ihrer Porträts erkennen und an der Anzahl ihrer Gemächer. Die Ehe kriselte schon lange, doch erst als der langersehnte Thronfolger bei der Geburt 1761 starb, lebten die beiden getrennt, erzählte die Kammerfrau.

Ab in die „Puderkammer“

Auch in das prachtvolle Kabinett der Kurfürstin, ein holzvertäfeltes Schreibzimmer mit Deckengemälde und Porträts von Zeitgenossen aus der Wittelsbacher Familie, durften die Besucher einen Blick werfen. In dem kleinen Erker richtete sich die Fürstin ihr ganz privates Schreibzimmer ein, zu dem nur sie den Schlüssel besaß. Gleich nebenan war die „Puderkammer“, wo sich die Höflinge die Haare mit Schmalz einrieben und Mehl darauf streuten. Anschließend ging es in den Speisesaal, der so aussah, als würde die kurfürstliche Familie zu Tisch erwartet. Bevor die Führung, in der viel entdeckt, gestaunt und gerätselt wurde, zu Ende ging, stieg die Gruppe ins zweite Obergeschoss, wo Markgraf Carl Friedrich von Baden für seine zweite Ehefrau, Reichsgräfin Luise Karoline von Hochberg, ein Appartement einrichtete, das exquisit ausgestattet und mit hochwertiger Landschaftsmalerei auf den Tapeten versehen ist.

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