Schwetzingen

Ein Tag als . . . (Teil 10) Unsere Redakteurin Janina Hardung hat auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein ausgeschenkt / Hektik kann auch Spaß machen

Beim Tassenfüllen vergeht die Zeit wie im Flug

Acht Kessel stehen vor mir. Auf Klebezetteln darauf lese ich die Worte „Weiß“, „Rot“ und „Apfel“. Den dampfenden Glühwein darin werde ich die nächsten drei Stunden an durstige Besucher des kürfürstlichen Weihnachtsmarktes beim Stand von Tischmacher Weine ausschenken. „Das kann ja nicht so schwer sein“, denke ich, während ich mir eine Fliesjacke des Weingroßhändlers über den Kopf streife.

Das Zelt ist vollgestellt. Nur auf ein paar Metern direkt in der Mitte kann ich mich zusammen mit meinen vier anderen Helfern frei bewegen. Links stapeln sich unzählige Tassen. Aber alles geordnet. In einem Korb haben sich die benutzten Tassen bereits weinrot verfärbt. Ich nehme mir eine Tasse aus der anderen Kiste, die von der Spülmaschine noch ein wenig nass und warm ist. Etwas unsicher stelle ich sie unter die Öffnung des Zapfhahns, der Glühwein läuft in die Tasse und spritzt auf meine Finger. An der Technik muss ich also noch feilen. Mein Gast nippt zufrieden an dem Heißgetränk – und ich räume die Fläche auf dem Tresen vom schmutzigen Geschirr frei. Als ich mich zurück zu den Besuchern drehe, weiten sich meine Augen. Etwa 20 Menschen wollen mit mir Blickkontakt aufnehmen. Eine Frau hat sich mit ihren Pfandmarken schon über die Theke gelehnt, ein weiterer Mann ruft mir eine Bestellung entgegen, die ich durch den Geräuschpegel nicht verstehe und neben mir huschen meine Kolleginnen durch das Zelt.

Immer mit der Ruhe

Aber: eins nach dem anderen. Gezielt arbeite ich mich von links nach rechts – so langsam macht der Trubel sogar Spaß. Doch dann der Schock: „Ich hätte gerne einen Rotwein ,Incognito‘ und zwei Grauburgunder ,Feierabend‘“, listet mir eine Besucherin die Wünsche von ihr und ihren Freundinnen auf. Ich sehe mich etwas panisch um. In jeder Ecke stehen Wein- und Sektflaschen. Die Standleiterin Stephie Zimmermann sieht meinen suchenden Blick und schaltet sich sofort ein: „Der Rotwein steht hinten in der Ecke und der Grauburgunder liegt im Kühlschrank.“ Meine Gesichtszüge entspannen sich direkt und ich fülle die Weingläser – und fühle mich ein kleines bisschen wie ein Sommelier in Ausbildung.

Aus meinen Tagträumen reist mich Jasmin Bartsch. Als ich eine gebrauchte Glühweintasse in den Korb stellen will, sagt sie: „Willst du das Geschirr mal wegbringen und neues holen?“ Ich zucke fragend mit den Schultern, weil ich keine Ahnung habe, wie ich dorthin komme. Sie hält mir die Plane des Zeltes zur Seite, dass ich mich nur ein wenig bücken muss, bis ich im Freien hinter unserem Zelt stehe. Wir gehen rechts am Palais Hirsch vorbei und vor den Toiletten öffnet sich schon die nächste Plane. Die schmutzigen Tassen bleiben dort und ich bekomme eine Palette mit noch heißem Geschirr. Auf dem Weg zurück merke ich, wie meine Arme schwerer werden und mich die Müdigkeit langsam einholt.

Die Beine werden müde

Die vergangenen Stunden hatte ich überhaupt keine Zeit, darüber nachzudenken. Aber jetzt spüre ich, wie meine Beine sich immer schwerer anfühlen. Zurück an den Kesseln werden die Bestellungen immer unübersichtlicher. „Fünf Glühwein, drei weiß und zwei rot. Dann noch zwei Grauburgunder und einen Flammkuchen. Ach – und ich habe schon sechs Tassen. Können wir das verrechnen?“ Ich versuche, in Ruhe den Betrag auszurechnen und bekomme schon die nächste Bestellung über die Theke gerufen. Jasmin hat schon den Grauburgunder in der Hand: „Ich habe gerade mitgehört, die übernehme ich.“

Teamarbeit ist jetzt alles. Wir reichen uns die Flaschen durch das Zelt und füllen die Kessel mit frischem Wein. Dann stoppt mich Stephie: „Deine Schicht ist vorbei!“ Ich habe mein Zeitgefühl komplett verloren und schaue mir die leeren Flaschen in den Kartons und den klebrigen Boden im Zelt an. Später muss hier noch kräftig aufgeräumt werden, aber zu diesem Zeitpunkt sind mir vermutlich auf der Couch Zuhause schon die Augen zugefallen.

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