Schwetzingen

Inklusion Stadträtin Raquel Rempp (SFW) kritisiert ebenfalls das Vorgehen am Hebel-Gymnasium

Bitte nicht nur in der Theorie

Mit einem weiteren offenen Brief hat sich jetzt die Schwetzinger Stadträtin Raquel Rempp in die Diskussion um Inklusion am Hebel-Gymnasium eingeschaltet. Dazu hatten wir ja bereits einen Brief des ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten der Stadt Stefan Krusche abgedruckt und eine gemeinsame Stellungnahme der Schulleitung, des Personalrates und der früheren Elternsprecherin. Rempp schreibt unter anderem:

"Ich bin froh, dass Stefan Krusche mit seinem Schreiben dazu beiträgt, dass mal wieder über das Thema Inklusion gesprochen wird. Ich kenne einige Familien mit unterschiedlich körperlich und geistig gehandicapten Kindern, die mir berichteten, dass die Sache mit der Inklusion in der Realität oft leider nicht so funktioniert, wie sie gerade auch in der Politik gerne dargestellt wird", so Rempp. Es fange schon mit dem "offensichtlich nicht von jedem verstandenen Inklusionsgedanken an": Es solle nun mal nicht mehr darum gehen, dass man Menschen in unterschiedliche Leistungskategorien einstuft und entsprechend separiert und einteilt, sondern alle Menschen sollen gleichberechtigt die gleichen Möglichkeiten haben. Da spielt es keine Rolle, ob es jetzt der barrierefreie Zugang in ein Gebäude ist oder ein Zugang zu einer Bildungseinrichtung, so Rempp in ihrem Brief.

Jemandem, der nicht laufen kann und im Rollstuhl sitzt, muss ermöglicht werden, alle Orte zu erreichen, die er erreichen möchte. Jemanden, der nicht sehen oder hören kann, muss die gleiche Teilhabe an gesellschaftlichen Dingen ermöglicht werden, wie sehenden und hörenden Menschen. Und auch geistig gehandicapten oder lernbehinderten Menschen soll der Zugang zu Gymnasien erlaubt sein. Nicht diese Menschen müssen verändert werden, das System muss sich ändern. Vorausgesetzt, die Entscheidungsträger meinen es, wie sie es öffentlich sagen, fordert Rempp. Das sei der Gedanke der Inklusion und der Behindertenrechtskonvention, die es schon seit sehr vielen Jahren gibt und zu deren Umsetzung sich viele Staaten - darunter Deutschland - verpflichtet haben.

"Der eine lerne nun mal schneller, der andere langsamer. Der eine lieber Mathe, der andere lieber Deutsch oder Französisch. Der eine betätigt sich lieber sportlich, der andere malt oder liest ein Buch. Es ist gut, dass jeder anders ist. Wäre es nicht schrecklich langweilig, wenn jeder gleich wäre?", fragt sich die SFW-Stadträtin: "Es sollen eben nicht nur Kinder mit guten Erfolgsaussichten in Gymnasien eingeschult werden. Da wird falsch, eben nicht inklusiv gedacht. Das Land muss dafür Sorge tragen, dass es genügend Lehrer und genügend technische Gegebenheiten zur Verfügung stellt, dass Inklusion auch tatsächlich verwirklicht werden kann."

Der konkrete Fall Abbas

Ende 2016 sei sie auf der Suche nach einem Schulplatz für Abbas, der fast zwei Jahre in Krankenhäusern verbracht hatte, gewesen: "Ja, vom Alter her war er schon 18. Mein und das Anliegen vieler Menschen war, ihm zu zeigen, dass er als Querschnittsgelähmter ein völlig normales Leben leben kann. Ich wollte den Jungen im Hebel-Gymnasium erst einmal vorstellen, weil ich dachte, dass es für ihn vom Anfahrtsweg (300 Meter Entfernung) am praktischsten sei. Der städtische Behindertenbeauftragte und der des Kreises hatten ihre fachliche Beratung zugesagt. Das teilte ich der Schulleitung mit. Mein Ansinnen war, ein völlig unverbindliches gemeinsames Gespräch mit den involvierten Parteien zu führen", schildert Rempp ihr Vorgehen.

Der Schulleiter habe aber den bereits vereinbarten Termin leider abgesagt. In seiner Mail stand: "Das Hebel-Gymnasium sieht sich weder räumlich noch personell in der Lage, Abbas eine seinem bisherigen Bildungsstand angemessene und erfolgversprechende Beschulung bieten zu können", so Schulleiter Ade, der sich auf keine Experimente einlassen wolle, von deren Erfolgsaussichten er nicht überzeugt sei.

Die Landesregierung habe verschiedene Konzepte zur Beschulung von Flüchtlingskindern auf den Weg gebracht. "Die zur Umsetzung notwendigen Voraussetzungen wurden am Hebel-Gymnasium bisher nicht geschaffen", so der Schulleiter. Nebenbei bemerkt: Bei keinem gesunden Kind dürfen Erfolgsaussichten als Argument für eine Aufnahmeabsage an weiterführenden Schulen vorgebracht werden. Die Stadt habe vor Jahren zwecks Barrierefreiheit einen Fahrstuhl für 200 000 Euro im Hebel einbauen lassen - und Rampen installiert. Warum die Landesregierung nicht für die Umsetzung auch an Gymnasien sorgt, sei jedoch keine unberechtigte Frage. Es müssten mehr Lehrer mit entsprechenden Ausbildungen eingestellt werden, um die Inklusion umzusetzen.

Dafür könne Schulleiter Ade nichts. "Meine Enttäuschung, die ich ihm gegenüber auch sehr deutlich zum Ausdruck brachte, begründet sich in der Tatsache, dass er sich nicht einmal eine halbe Stunde Zeit nehmen wollte, um Abbas kennenzulernen", so Rempp. Abschließend erwähnt sie, dass es kurze Zeit später zu einem Gespräch mit den Schulleitern der Erhart-Schott- und der Carl-Theodor-Schule nebenan gekommen sei. Sie seien so offen, tolerant und herzlich gewesen, dass sie Abbas in ihren Schulen aufgenommen hätten: "Ich bin sehr dankbar dafür. Zeigt es doch: Wo ein Wille ist, findet sich auch ein Weg", so Rempp.

Schulleiter Ade wollte sich zu diesem Brief nicht weiter äußern. zg

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