Schwetzingen

Stimmungsbericht Gutting und Yildirim in Schockstarre über schlechteres Abschneiden von CDU und SPD / Amann kündigt eine "kraftvolle Opposition" an / Bayaz zu "Superergebnis" beglückwünscht

Das Abschneiden der AfD sorgt für Entsetzen

Archivartikel

Region.Das Ploppen des Sektkorkens im Hintergrund passt so gar nicht zu den Zahlen, die in der Halle des TV Oberhausen über die Leinwand laufen. Durch die Ruhe, die bei der ersten Prognose bei der CDU-Wahlparty herrscht, ist das Geräusch jedoch besonders gut zu hören.

Kein frenetischer Jubel, keine Gratulation an den Bundestagsabgeordneten Olav Gutting, kein Schulterklopfen. Angesichts der knapp neun Prozent, die man im Vergleich zur letzten Wahl verloren hat, kein Wunder.

Gutting: Stärkste Partei geblieben

Als die erste Schockstarre dann überwunden ist, tritt Olav Gutting ans Mikrofon und wendet sich zerknirscht an die Gäste. "Eines ist jetzt schon deutlich: Wir sind weit vom Ergebnis vor vier Jahren entfernt", sagte er. Dass die SPD noch schwerwiegendere Verluste eingefahren habe, sei hier kein Trost. Vielmehr beunruhige ihn, dass so viele Menschen die AfD gewählt hätten, sagt Gutting. Ein Ziel aber habe man erreicht, man sei stärkste Partei geworden. "Vor allem möchte ich meinen vielen Helfern danken", muntert er dann noch etwas auf.

Andreas Meister und Lilly Hummel sind zwei der jungen Leute, die in den vergangenen Wochen im "Team Gutting" unterwegs waren. Auch sie sind betrübt, lassen sich von der ersten Prognose aber zunächst nicht beirren. "Wir können mit unserem Einsatz nur den Wahlkreis beeinflussen", stellt Andreas Meister fest. Und in diesem Jahr sei der Wahlkampf besonders hart gewesen. Beschimpfungen und Pöbeleien seien häufiger vorgekommen, als in Wahlkämpfen zuvor, erklärte Gutting. Der CDU-Abgeordnete erklärt, beim AfD-Ergebnis sogar noch Schlimmeres befürchtet zu haben. Und dann trotzt er diesem mit den abschließenden Worten: "Auf eine gute Zukunft in Frieden und Freiheit."

Yildirim: Eine schwierige Zeit

Hängende Köpfe, traurige Gesichter. Nachdem sich die Prognosen der vergangenen Tage nach Schließung der Wahllokale bewahrheitet haben, sinkt die Stimmung der Genossen ins Bodenlose. Zu Ehren der Bundestagskandidatin Neza Yildirim findet die SPD-Wahlparty im Vereinsheim des FC Kirrlach statt. Es ist 18 Uhr. Die ersten Zahlen prognostizieren der SPD glatte 20 Prozent. Eine Niederlage, wie es der Landtagsabgeordnete Daniel Born ohne Umschweifen bezeichnet. Und Yildirim? Sie sei zunächst erleichtert, dass man nun Klarheit habe. "Es war eine schwierige Zeit", sagt sie. "Vor allem tut es mir für die ganzen Helfer Leid, die so viel Arbeit und Zeit investiert haben, und nun so enttäuscht wurden." Und die Enttäuschung ist den Wahlhelfern anzusehen. Carla Wengenroth von den Jusos ist eine der Unterstützerinnen. "Wir hatten so eine tolle Kandidatin", sagt sie. "Und wir haben wirklich alles im Wahlkampf gegeben."

Auch Daniel Born sind der Schreck und die Enttäuschung anzusehen - nicht nur über das schlechte Ergebnis der SPD, sondern vor allem über das gute der AfD. "Das AfD-Ergebnis schockt mich!", gibt er deutlich zu. "Wir bewegen uns in einer Zeit mit riesigen Herausforderungen, da ist es nicht fair, die SPD mit 20 Prozent nach Hause zu schicken." Aufgemuntert durch ihren Mann und ihre beiden Kinder, die am Wahlabend bei ihr sind, blickt Yildirim nun nach vorne. "Wir müssen weiter machen", sagt sie. "Wenn wir in die Opposition gehen, müssen wir eben von dort aus etwas ausrichten."

Bayaz: Besser als erwartet

Die Grünen kämpfen bei ihrer Wahlparty im "Blauen Loch" in Schwetzingen um 18 Uhr noch mit technischen Problemen. Den etwa ein Dutzend Anhängern bleibt nichts anderes übrig, als auf das Smartphone zu schauen, als die Prognose 9,5 Prozent für die Grünen meldet. Kandidat Dr. Danyal Bayaz freut sich, ebenso wie die Mitglieder des Kreisverbandes Kurpfalz-Hardt und der Grünen Jugend. Entsetzen herrscht allerdings über die hohe Prozentzahl für die AfD.

Bayaz ist sehr zufrieden mit der Zustimmung für die Grünen, vor allem in Baden-Württemberg. Der 32-jährige Ökonom will noch keine Glückwünsche entgegennehmen. Die Parteifreunde stoßen aber schon auf das "Superergebnis" an, wie Gemeinderätin Weihua Wang sagt: "Wir haben mit Danyal Bayaz einen kompetenten Kandidaten gehabt, mit dem wir einen guten Wahlkampf gemacht haben." Wahrscheinlich zieht er jetzt in den Bundestag ein.

Bundesvorsitzender Cem Özdemir spricht in der ARD. Die zweite Hochrechnung sieht die Grünen bei 9,3 Prozent. "Das Land ist nach rechts gerückt, der Wert der AfD ist schockierend", sagt Bayaz und plädiert dafür, dass im nächsten Bundestag alle Demokraten "gegen fremdenfeindliche Tendenzen zusammenarbeiten". Das Ergebnis für seine Partei sei besser als erwartet.

Weitere Anhänger schauen bei der Wahlparty vorbei. Jan Pillmeier (17) hat noch nicht wählen dürfen. Der Gymnasiast war durch die Brot-Aktion "Grüner Kern" der Bäckerei Utz mit Bayaz und Özdemir auf die Grünen aufmerksam geworden. Kumpel Oliver Siebert hat bei seiner ersten Bundestagswahl mit Erst- und Zweitstimme Grün gewählt, bestätigt er. Landtagsabgeordneter Manfred Kern ist traurig, dass die AfD so stark ist, aber auch froh, dass die SPD sich der Rolle eines Oppositionsführers stellt. Er hofft für seine Partei auf Jamaika.

Amann: Jetzt wird's ungemütlich

Im Lokal "Exo" neben dem Exotenhaus des Karlsruher Zoos verfolgt AfD-Kandidat Dieter Amann den Wahlabend gemeinsam mit den Kollegen der Wahlkreise Karlsruhe-Stadt und Karlsruhe-Land. Rund 80 bis 90 Anhänger haben sich dort gegen 20 Uhr versammelt, "viele von uns sind noch als Wahlbeobachter vor Ort", rechnet der 54-Jährige mit mehr Resonanz im Lauf des Abends.

"Die Stimmung ist schon gut", beschreibt er die Atmosphäre im Telefonat mit unserer Zeitung, "immer wieder brandet Applaus auf, wenn die neuen Hochrechnungen im Fernsehen verkündet werden. Allerdings", räumt er ein, "ist es ein kleiner Wermutstropfen, dass wir die 14 oder 15 Prozent nicht gerissen haben. Aber die Freude ist groß." Auch bei ihm selbst. "Wir sind drittstärkste Kraft in Berlin und werden eine kraftvolle Opposition sein. Jetzt wird's ungemütlich für die Regierung", kündigt er an, dass es "nach einer langen Pause endlich wieder eine Opposition gibt - nicht nur auf dem Papier wie bisher".

Auch mit seinem eigenen Ergebnis sei er sehr zufrieden - aber die knapp 15 Prozent reichen Amann höchstwahrscheinlich nicht, um in den Bundestag einzuziehen.

Tzschaschel: Wir sind wieder da

Unaufgeregt verläuft die Wahlparty der Freien Demokraten im Clubhaus des Schwetzinger Tennisclubs. Auch wenn schon vor Schließung der Wahllokale über die Chance einer schwarz-gelben Koalition spekuliert wird, zeigen die knapp 15 Parteimitglieder und Sympathisanten kaum Emotionen, als die erste Hochrechnung über den Bildschirm flimmert. Ein zurückhaltendes Raunen beim schlechten CDU-Wert, Abnicken des FDP-Ergebnisses und Kopfschütteln bei der AfD - das ist's auch schon. Und auch der Applaus, als der Schwetzinger FDP-Vorsitzende Murat Eyiberispek drei Minuten später verkündet, dass es wieder eine liberale Stimme im Parlament gebe, ist absolut nicht so euphorisch, wie einige Zeit später, als der Bundesvorsitzende Christian Lindner in Berlin fast die gleichen Worte findet.

"Wir sind wieder da", bilanziert auch der FDP-Kandidat des Wahlkreises, Hendrik Tzschaschel, recht nüchtern. Er freue sich über die zehn Prozent der Partei und zeigt sich gespannt auf sein persönliches Abschneiden. Für einen Platz im Parlament reicht es Tzschaschel allerdings nicht - er steht auf Listenplatz 31. Als zwei Stunden später die ersten Ergebnisse aus Reilingen und Brühl einlaufen, lässt er sich dann doch noch zu einem "Wow!" hinreißen. "Dass wir hier als FDP über dem Bundesschnitt liegen, ist super", kommentiert er. Doch zu diesem Zeitpunkt klingt die Wahlparty im Clubhaus bereits aus.

Zuvor wird noch über eine Jamaika-Koalition sinniert. "Wie soll das denn gelingen mit der FDP und der CSU? Das wäre die Quadratur des Kreises", urteilt FDP-Sympathisant Heinz Riemann aus Schwetzingen. "Aber was wäre die Alternative?".

Zieger: Stimmung nicht getrübt

Obwohl die Oppositionsführung diesmal nicht in ihren Händen liegen wird, ist die Stimmung bei den Linken nicht betrübt. Werner Zieger verbringt den Wahlabend mit seinen Genossen im "1st Pub" in Walldorf. Ziegers Partei ist knapp am zweistelligen Ergebnis vorbeigerauscht. Im Fernseher liefert die ARD erste Hochrechnungen. Von Trübsal ist nichts zu spüren. Aber von Empörung: "13,5 Prozent für die AfD. Das ist schon Wahnsinn", sagt Zieger. Entgegen vieler Politikerkollegen, trägt er keinen Anzug mit Schlips in Parteifarbe. Zieger steht in Karohemd und Jeansweste am Tresen.

Mit einer Jamaika-Koalition habe er schon länger gerechnet. Großer Unmut über die Große Koalition sei ihm beim Straßenwahlkampf immer wieder zu Ohren gekommen - "die Grünen wird es in dieser Koalition aber zerreißen", prognostiziert er. Auch sorge er sich um die Diskussionskultur im Bundestag: "Die AfD wird ihre Hetze und Provokation dort fortführen und der Bundestagspräsident wird es hoffentlich nicht bei Ordnungsrufen belassen."

Wirt des Pubs ist Emre Ecevit. Er kandidiert auf Platz zwölf der Landesliste. "Uns erwartet keine schöne Zeit", sagt er und meint den Einzug der AfD ins Parlament. "Trotzdem haben wir Grund zum Feiern. Wir haben - wenn auch nur leicht - zugelegt und werden weiter für unsere Ziele einstehen."

"Kann mal jemand lauter machen?", ruft einer. Auf dem Bildschirm erscheint Sahra Wagenknecht - darauf haben alle im Lokal gewartet. Wagenknecht wiederholt, was an diesem Abend schon oft zu hören war. Empörung über den Einzug rechter Kräfte in den Bundestag.

Trotz aller Enttäuschung, Heinrich Stürtz, Direktkandidat für den Nachbarwahlkreis Rhein-Neckar, meint: "Im Bundestag kann man nicht andauernd über Flüchtlinge reden und sozialpolitisch haben die nun mal nichts zu bieten." Die meisten AfD-Wähler werden, so meint Stürtz, schnell merken, dass auch diese Parte ihre Probleme nicht lösen wird.

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