Schwetzingen

Stilles Gedenken Renate und Werner Schellenberg erinnern sich an den Beginn der Erinnerung an die Schwetzinger jüdischen Mitbürger

Das Geheimnis der Erlösung . . .

Archivartikel

„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“ Diese Worte von Martin Buber, die an der Gedenktafel an die ermordeten Juden in Yad Vaschem zu lesen sind, haben uns inspiriert. Da es leider in diesem Jahr zu keiner Gedenkstunde mit persönlicher Präsenz kommen kann, haben wir uns entschlossen, der Schwetzinger Zeitung einen Beitrag zu schreiben, der an den Beginn dieser Tradition erinnert. Ein Art stilles Gedenken: Anlässlich des 9. November 1938 erinnern wir uns an unsere ehemaligen jüdischen Schwetzinger Mitbürger, die vertrieben und ermordet wurden und derer wir seit 1978 am jüdischen Gedenkstein beim Schloss in der Zeyherstraße in jedem Jahr gedenken.

Wie kam es zum Kontakt mit ehemaligen Schwetzinger Juden? Das kleine Büchlein: „Damals war es Friedrich“ gab den Anstoß zu einem großen und aufregenden Unternehmen hier in Schwetzingen. Das Büchlein handelt vom tragischen Schicksal und der Vertreibung des jüdischen Jungen Friedrich im Hitlerdeutschland. Religionslehrer Albrecht Lohrbächer las 1976 diese Geschichte mit seinen Schülern, unser Sohn Martin gehörte auch dazu, im Religionsunterricht der 7b des Hebel-Gymnasiums.

Die Schüler waren bewegt vom Schicksal des Jungen Friedrich. Und sie fragten: Wie war das damals in Schwetzingen? Welche jüdischen Menschen lebten hier und was ist aus ihnen geworden? Albrecht Lohrbächer und seine Schüler befragten Schwetzinger Bürger, was sie noch aus dieser Zeit erinnerten und welche jüdischen Menschen sie gekannt haben.

130 Briefe geschrieben

Nach langer, intensiver, mühevoller Arbeit und Nachforschungen in Archiven und bewegendem Briefwechsel (130 Briefe wurden geschrieben), entstanden wieder Kontakte zu ehemaligen Schwetzinger Bürgern aus Israel, USA, Japan, Südamerika, Frankreich und Belgien. So entstand die Schrift: „Sie gehörten zu uns – Geschichte und Schicksale der Schwetzinger Juden“ von Albrecht Lohrbächer verfasst unter der Mitarbeit seiner Schüler und von Michael Rittmann. Herausgegeben wurde es damals vom Stadtarchiv Schwetzingen. Die Schülerinnen und Schüler beantragten im Nachgang zusammen mit ihrem Lehrer bei der Stadt Schwetzingen, einen Gedenkstein an die ehemaligen jüdischen Bürger zu setzen.

Im November 1978 war es dann so weit: Am 40. Gedenktag an die Pogromnacht 1938 sollte der Gedenkstein aufgestellt werden. Am 9. November 1938 wurden in ganz Deutschland die jüdischen Synagogen geschändet, die Wohnungen der Juden zerstört und jüdische Menschen misshandelt, auch hier mitten in Schwetzingen. Fünf ehemalige jüdische Schwetzinger Bürger aus aller Welt überwanden ihre großen Ängste und kamen zusammen mit ihren Angehörigen auf Einladung der Stadt Schwetzingen und ihres damaligen Bürgermeisters Kurt Waibel in ihre ehemalige Heimatstadt zurück. (Ruth Gogol geborene Bermann, Ruth Schwob geborene Bloch, Alfred und Gisela Stein und Edith Szekely, geborene Metzger). Eine ehemalige jüdische Schwetzingerin schrieb im Vorfeld dazu: „Für mich persönlich bedeutet das, dass ich mich nicht mehr als Verfolgte fühlen muss, sollte ich Gelegenheit haben, wieder in Schwetzingen zu sein.“

Für uns war es erschütternd zu hören, wie viele Angehörige dieser unserer Gäste verschleppt und in Auschwitz oder anderen Todeslagern ermordet wurden. Im Jahr 1938 hatte die ehemalige jüdische Gemeinde 89 Mitglieder, 21 wurden in Konzentrationslagern umgebracht.

Bewegende Begegnungen

Im November 1988 – also zehn Jahre später zum 50-jährigen Gedenken an die Reichspogromnacht kamen teilweise zusammen mit ihren Ehepartnern sieben ehemalige Schwetzinger in die Stadt zurück, die als Kinder hier gelebt hatten: Ernst Katzenstein am Schlossplatz 3, Gertrud Berg (geborene Schloss) aus der Kurfürstenstraße 25, Lore Wolf (geborene Kaufmann) aus der Heidelberger Straße 33, Ruth Schwob (geborene Bloch) aus der Bruchhäuser Straße 4, Ruth Gogol (geborene Bermann) aus der Maximilianstraße 4, Kurt Lorch vom Schlossplatz 3 und Edith Kuchinski (geborene Flinker) aus der Heidelberger Straße 12 . Bewegende Begegnungen und Gespräche haben wir damals mit ihnen erlebt. Die jüdischen Gäste waren bei uns zu Hause eingeladen.

Anlässlich unserer Gruppenreise mit Jugendlichen aus Schwetzingen und Weinheim zusammen mit dem Ehepaar Lohrbächer haben wir Ruth und Shmuel Gogol aus Tel Aviv und Lore Wolff mit ihren beiden Töchtern aus Kirjat Bialik in Israel getroffen. Die Jugendlichen waren bewegt vom Schicksal Lore Wolffs, die im hohen Alter immer noch vom Schwetzinger Schlossgarten träumte , den sie als Kind eines Tages nicht mehr betreten durfte und deren Mutter und Schwester Hede ermordet wurden.

Sie waren fassungslos über Ruth Gogols Schicksal, deren Mutter und Geschwister in Auschwitz umkamen. Ruth konnte von Gurs aus in einem französischen Kinderheim gerettet werden und zusammen mit Shmuel Gogol nach Israel gelangen. Bei unseren weiteren Israelreisen mit Erwachsenen aus Schwetzingen und Umgebung haben wir immer wieder Lore Wolff und Ruth und Shmuel Gogol besucht. Shmuel Gogol, ein Auschwitz-Überlebender, hat mit seinem Jugend-Mundharmonika-Orchester in den 1980er Jahren im Lutherhaus in Schwetzingen ein Konzert gespielt und viele Schwetzinger damit erfreut.

In den folgenden Jahren seit 1978 haben Schülerinnen und Schüler am 9. November zusammen mit ihren Religionslehrern, den Kirchengemeinden und der Gewerkschaft dieses Gedenken am Gedenkort weitergeführt, ebenso an der von den Jugendlichen 2010 geschaffenen Thorarolle zum Gedenken an die Vertreibung jüdischer Menschen nach Gurs vor 70 Jahren. Was bleibt ist Martin Bubers Satz: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.“

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