Schwetzingen

Stadtkirche Ensemble „Trobar e Cantar“ aus Hamburg bietet zwei Uraufführungen

Das Klagen als roter Faden

Archivartikel

Mit dem Ensemble „Trobar e Cantar“ aus Hamburg stellte sich in der Stadtkirche eine Formation vor, die gleichermaßen für Authentizität und Unmittelbarkeit sorgte. Unter dem Motto „De profundis“ entführten die drei Musikerinnen, Marcia Lemke-Kern, Sopran, Lilli Pätzold, Zink- und Blockflöten, Barbara Hofmann, Gamben, das Publikum in die Zeit des Mittelalters und der Renaissance, der sie zeitgenössische Klänge gegenüberstellten. Das war überaus spannend, besonders auch, weil sie zwischen den Darbietungen ihre historischen Instrumente, die Gamben und die Bockflöten, vorstellten.

Kirchenmusikdirektor Detlev Helmer konnte zu diesem außergewöhnlichen Konzert ein zahlreiches Publikum begrüßen und versprach ein kontrastreiches Konzert mit ganz alter und moderner Musik. Die Verbindung zu „Trobar e Cantar“ kam über seinen Sohn Benjamin Helmer und seiner Schwiegertochter Catalina Rueda zustande, die für das Ensemble auch Musik komponiert haben, so dass die Zuhörer Zeugen von zwei Uraufführungen wurden. Sopranistin Marcia Lemke-Kern, Gründerin und Leiterin des Ensembles, erläuterte das Programm, bei dessen Zusammenstellung sie sich für eine sinnstiftende Dramaturgie bemüht hat: In den verschiedenen Blöcken wird von einem Ursprungswerk aus dem Mittelalter ausgegangen, auf das sich dann ein neues Werk bezieht, das aus diesen alten Quellen schöpft, wie es schon einst Luther getan hat. Wie ein roter Faden zog sich dabei das „Klagen“ wie auch die tragische Liebesgeschichte um „Tristan und Isolde“ durch das Repertoire.

Begonnen haben die drei Frauen mit dem „Lamento di Tristano e Rotta“, in dem sie instrumental die Musik eines alten Londoner Manuskripts zu neuem Leben erweckten. Es folgte „De profundis clamavi“ aus dem „Graduale Triplex“, ein Choralbuch gregorianischer Gesänge, dem sich „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ in der Bearbeitung des franko-flämischen Komponisten Lupus Hellinck (1494 – 1541) anschloss. Sopranistin Marcia Lemke-Kern brachte diese Lieder, wie übrigens alle anderen des Programms, unangestrengt, mit warmer schlanker Stimme und wunderbarem Klangbewusstsein zu Gehör, während die Instrumente sie dabei expressiv, musikalisch enthoben, begleiteten.

Stilistische Brüche gewollt

Die beiden von den jungen Komponisten Catalina Rueda (*1989) und Benjamin Helmer (*1985) geschriebenen Stücke, die zum ersten Mal erklangen, bezogen sich auf Werke aus dem Glogauer Liederbuch, eine um 1480 entstandene Sammlung. So stellte Rueda dem Volkslied „All voll, all voll“ ihre Version „All voll“ gegenüber, in der sie, wie sie selbst sagte, „die klanglichen und technischen Eigenschaften der historischen Instrumente im Dienst einer parallelen Welt erweiterte“. Benjamin Helmer ging in seiner Komposition „Das Wüth“ zwar von „In praeclarae Barbarae“ aus, „doch ist daraus etwas ganz anderes geworden“, wie er bei der Vorstellung des Stücks festhielt. Auf der Suche nach einem eigenen Ausdruck scheuen die beiden überaus begabten Musiker nicht vor stilistischen Brüchen zurück, vor teilweise geräuschhafter Reduktion und Überlagerung mehrerer akustischer Schichten, und schaffen so ein Klangbild, das fesselte und die Spannung bis zum Schluss aufrechterhielt. Das Ergebnis riss alle mit, auch dank der lebendigen und prickelnden Umsetzung dieser Stücke durch Barbara Hofmann an der Gambe, Lilli Pätzold an der Flöte und Marcia Lemke-Kern, Gesang. Dafür gab es viel Applaus.

Wie sehr das risikofreudige Ensemble die hohe Kunst des Dialogs von miteinander korrespondierenden Klangflächen beherrscht, demonstrierte es auch in dem Block mit Stücken der Nacht, der mit „Abundance de fellonie“ von Jehan de Lescurel (1300 – 1377) begann und denen die Musikerinnen ebenfalls zeitgenössische Kompositionen wie „Now ...“ von Klaus Hinrich Stahmer (*1941) oder „Night Song“ von Karel Steenhoven (*1958) gegenüberstellten. Mit zwei „Anonymen Spielmannstänzen“ aus dem 14. Jahrhundert ging dieses bemerkenswerte Konzert zu Ende, von dessen eigentümlicher Poesie die Zuhörer restlos begeistert waren.

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