Schwetzingen

Singalong Unsere Mitarbeiterin Maria Herlo wirkt gemeinsam mit über 50 anderen Sängern bei Bachs Weihnachtsoratorium mit / Dirigent ist Bezirkskantor Detlev Helmer

„Den Unterkiefer schön locker lassen“

Geht es auf Weihnachten zu, werde ich genau wie die meisten Menschen für Musik empfänglicher. Denn nichts sorgt für so viel Stimmung wie der richtige Soundtrack. Chöre, helle Kinderstimmen, Glockengeläut verbreiten mehr Zauber als Lebkuchengewürz, Glühwein und Sprüh-Schnee aus der Dose. Vor allem ein Klassiker: das Weihnachtsoratorium von Bach.

Dieses Stück ist fast 300 Jahre alt und ein einziger Paukenschlag, der direkt ins Herz geht. Allein das Wort schmilzt wie ein Zimtstern auf der Zunge. Als Schülerin habe ich das hohe „A“ bei „Jauchzet, frohlocket“ wunderbar geschafft. Seitdem träumte ich immer schon, mindestens einmal beim Weihnachtsoratorium im Chor mitzusingen.

Aus voller Brust

Da kam der Redaktionsauftrag, als aktiv Mitwirkende über die Probe zum zweiten Schwetzinger Singalong zu berichten, wie gerufen. Im Gleichschritt mit den anderen mehr als 50 Sängerinnen und Sängern, die ins Melanchthonhaus gekommen sind, stimme ich aus voller Brust ein: „Ehre sei Gott in der Höhe“ – ein berauschendes Erlebnis. Vor allem auch deshalb, weil Kirchenmusikdirektor Detlev Helmer der Dirigent ist. Die Auftritte der Jungen Kantorei, des Kirchenchors, des Vokalensembles sowie des Posaunenchors unter seiner Leitung sind legendär.

„Sie sind Alt“, diagnostizierte Helmer, und damit meinte er nicht mein fortgeschrittenes Alter, sondern meine Stimmlage. Und ich bin glücklich, denn plötzlich bin ich mitgestaltendes Element eines von mir so bewunderten Chors. Doch wenn Träume wahr werden, ist auch Vorsicht geboten. Selbstzweifel überkommen mich. Ich hätte schon viel früher beginnen sollen, jetzt ist es ziemlich spät. „Es ist nie zu spät“, raffe ich mich innerlich auf und sehe mich um.

Na ja, es singen schon auch junge Leute mit, doch die meisten interessierten Frauen und Männer sind im Seniorenalter. Das wirkt sich auf meine Verfassung heilsam aus. Mir gegenüber aber haben sie den Vorteil, dass sie schon jahrelang in Chören mitsingen, im „Vokalensemble“, im „Cantiamo“ zum Beispiel oder in anderen Ensembles mit ähnlich freundlichen Namen, ich jedoch . . . Das letzte Mal damals in der Schule, als ich auf das Kommando der Musiklehrerin lostönte: „Im Frühtau zu Berge . . .“ Nach so langer Pause ist meine Stimme total eingerostet.

Abhilfe schafft das Einsingen, das muss sein. Alle erheben wir uns und befolgen konzentriert die Körperübungen, die Helmer vormacht: Arme über den Kopf, sie strecken, tief ein- und ausatmen, den Becken kreisen, die Knien lockern. Schließlich wird auch die Stimme aufgewärmt. Zisch- und stimmhafte Laute „sss“, „mmm“ und „nnn“ schwingen laut und tief durch den Raum, so dass es sich wie ein Bienenstock anhört. Dann sind Silben dran, um die sich in der Bibel so manches dreht: jona jona jona jooo oder noah noah noah nooo. Der Rost hat sich ein wenig verflüchtigt.

Mühelos stimme ich ein in die zum Anwärmen gedachten Lieder aus dem evangelischen Gesangbuch wie den Kanon „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“. Doch als es ernst wird beim Ab-Blatt-Singen gerate ich ins Trudeln. Zwar kenne ich die Noten und den Text von Bachs „Weihnachtsoratorium“, mein Hals aber stößt lauter falsche Töne aus, ich bin nicht fit genug, um in den vom Komponisten geforderten Höhenlagen locker herumzuturnen.

Der Nachbarin gelingt’s mühelos

Den anderen gelingt dies mühelos, meiner Nachbarin zum Beispiel. Neidisch lausche ich dem kultivierten Klang ihrer Stimme und bewundere die Art, wie sie Helmers Anleitungen sofort umsetzt. Der Reihe nach übt er mit Sopran, Alt, Tenor und Bass die Choral-Passagen, begleitet sie am Klavier, singt vor, lobt, korrigiert, so dass selbst polyfon dichte Stellen bestens nachvollziehbar werden. Beim „E“ in „Eeeehre sei Gott“ rät er: „Den Unterkiefer locker lassen, die Zunge nicht so eng an den Obergaumen halten. Je enger sie dranliegt, umso weniger Klang lässt sie durch“. Seine Sicht des Werkes setzt er mit einem Instinkt sondergleichen um.

Das Überraschendste an diesem Abend liegt für mich darin, dass Helmer mir half zu begreifen, warum es mir bei Bach heiß und kalt den Rücken runterläuft. Der Thomaskantor nahm den Inhalt der Texte extrem ernst, keine Note setzte er zufällig. Und was noch glücklich macht: All die musikbeflissenen Freunde des Weihnachtsoratoriums werden beim Singalong wieder mal einen Höhepunkt im Kulturleben Schwetzingens setzen.

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