Schwetzingen

Lutherhaus Ärzte-Symposium zum Altern / Organe aus 3-D-Druckern als Zukunftsmodell / Soziales Miteinander und Beschäftigung als "Jungbrunnen"

Der Gang verrät die Lebensdauer

Jeanne Calment aus Frankreich wurde 122 Jahre alt, recht munter und recht gesund. Hatte sie das Geheimrezept, nach dem die Menschheit seit jeher sucht? Beim 17. Minisymposium "Wenn die Menschen länger leben - Herausforderungen an die Gesellschaft" im Lutherhaus sprachen Dr. Florian von Pein (GRN), Dr. Jan Sänger (ze:ro Praxen, Mannheim) und Professor Jürgen Werner (Uni Witten-Herdeck) zum Thema. Dr. Wolfgang Wiegand (ze:ro Praxen) moderierte den inhaltsreichen aber kurzweiligen Abend.

Dass wir heute durchschnittlich älter werden als noch vor ein paar Jahrzehnten hat viele Gründe. Dr. Jan Sänger, Facharzt für innere Medizin und Kardiologe, liefert dazu Schaubilder und Statistiken. Wurden in der Zeit von 1871 bis 1881 Frauen im Schnitt 38,5 Jahre alt, erleben sie der Statistik zufolge in den Jahren 2012 bis 2014 bereits 83,1 Jahre. Bei Männern liegt die Lebenserwartung in den genannten Zeiträumen etwa bei 35,6 Jahren und 78,1 Jahren. "Die ehemalige Alters-Entwicklungspyramide hat sich umgekehrt", zeigte Sänger auf, dass die Geburten rückläufig sind, die Zahl der Älteren jedoch ansteigt. In einer Hochrechnung für das Jahr 2030 wären rund 18 Prozent der Bevölkerung Deutschlands unter 20 Jahre, etwa 35 Prozent zwischen 20 und 50 Jahre alt, demnach 47 Prozent über 50 Jahre alt.

Unter anderem schilderte er am Beispiel der koronaren Herzerkrankungen und deren Behandlung die Entwicklung von der Grundlagenforschung mit Selbstversuchen der Ärzte bis hin zur High-Tech Medizin. Zur stark verbesserten medizinischen Versorgung und operativer Hilfen geselle sich als weiterer Aspekt längeren Lebens die deutlich andere Hygiene. "Unser Essen ist auch anders als früher", zeigte Sänger Vor- und Nachteile auf. "Wird es das Herz bald als 3-D-Organ aus dem Drucker geben?", war eine der Fragen an ihn. Antwort: "Das Herz ist ein sehr komplexes Organ, ich könnte mir Herzklappen durchaus aus dem 3-D-Drucker vorstellen."

Mit dem Leben kokettieren

Dr. Florian von Pein, Chefarzt der Geriatrie GRN Gesundheitszentren Weinheim und Schwetzingen, sprach nicht nur von der eingangs erwähnten Südfranzösin, die einen geregelten Tagesablauf liebte, viel Sport trieb und aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung wohl auch entsprechende Nahrung zu sich nahm. "Und dennoch: Sie rauchte, bis sie 117 war und trank gerne Portwein, den nannte sie auch zuerst, wenn man sie nach dem Rezept des langen Lebens fragte", erklärte Pein. Ihr Mann sei früh gestorben - an einer verdorbenen Kirsche im Dessert. "Das soll für die Damen kein Beispiel sein", argwöhnte Pein.

Er stellte die drei Orte auf dieser Welt vor, an denen nachweislich die ältesten Menschen leben: Okinawa (Japan), Hainan (China) und Sardinien (Italien). Das Wichtigste für ein hohes Alter seien neben den bereits genannten Parametern, das soziale Miteinander, Beschäftigung bis ins hohe Alter, viel Bewegung und gesunde Ernährung. "Genetische Faktoren gehören ins Paket dazu."

"Übrigens erkennt man am Gang, wie lange ein Mensch noch lebt", verblüffte er die Zuhörer. Grundlage sei, schnelles Abnehmen im Alter, was auch die Muskulatur betreffe, Arteriosklerose und Mangelernährung gehörten dazu, damit ändere sich das Bild des Laufenden. "Wie sieht es mit der Flüssigkeitsversorgung aus?", fragte ein Zuhörer. "Man hat im Alter weniger Durst, konsequentes trinken hilft sehr", die Antwort. "Welche Art Bewegung ist gut?", wollte ein anderer wissen. "Zwei bis dreimal wöchentlich je 20 bis 45 Minuten schnelles Laufen etwa, dazu Krafttraining im Alter", erklärte Pein.

"Torheit schützt vorm Altern nicht - über das gelebte und ungelebte Leben" hatte Professor Jürgen Werner seinen freien Vortrag überschrieben. Er brach eine verbale Lanze dafür, mit dem Leben selbst zu kokettieren - in spielerischer Art aufmerksam mit dem Leben umgehen. In einer interessanten Studie habe man gefragt, in welches Alter Menschen, deutlich in der zweiten Lebenshälfte, gern zurückversetzt werden würden, das fragte Werner auch im Auditorium. Die Befragte antwortete: "40" und traf damit genau die Zahl, die die überwiegende Mehrheit genannt hatte. Die Würde, mit der man altere, sei ein ganz wichtiger Aspekt: "Außer den Rolling Stones müssen Menschen über 65 keine skinny Jeans mehr tragen", stellte er unter dem Lachen der Anwesenden fest. Im Foyer des Lutherhauses kam es im Anschluss bei gesundem Essen zu guten Gesprächen.

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