Schwetzingen

Aufbruch 2016 Das „Manifest“ von Paul Collier näher erläutert

Die große Spaltung

Archivartikel

„Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft“ hat der bekannte Wirtschaftswissenschaftler und Migrationsforscher Paul Collier sein Werk „Sozialer Kapitalismus“ untertitelt, in dem er die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit benennt und Lösungen vorschlägt. Pressereferent Dr. Gunter Zimmermann legte auf einer Mitgliederversammlung von Aufbruch 2016 die Grundzüge der Streitschrift dar.

Nach Collier seien die Gesellschaften des Westens heute gespalten in eine einflussreiche, in der Öffentlichkeit dominante Oberschicht und die „weiße Arbeiterschaft“ andererseits, deren Interessen und Anliegen selten aufgenommen würden. Die Oberschicht werde gebildet aus Bankiers, Juristen und Informationsmagnaten, die über Möglichkeiten der Propaganda in Wort und Bild verfügten. Ein tiefer Graben trenne sie von der in der Regel verachteten Arbeiterschaft, so dass nach dem Oxforder Wissenschaftler diese Spaltung die Gefahr des Zerfalls der Gesellschaft in sich berge.

Ausführlich, so Zimmermann, beschäftige sich Collier mit der Frage, wie es dazu gekommen sei. Die 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Zeit eines grandiosen Aufschwungs, einer kapitalistischen Entfaltung gewesen, die auf dem durch den Krieg geschaffenen Gemeinschaftsgefühl beruht habe. Dies seien die großen Jahre der Sozialdemokratie gewesen, deren Vorstellungen vom „Volksheim“ (Slogan der schwedischen Sozialdemokraten), von der solidarischen Zusammengehörigkeit des Volkes auch von liberalen und konservativen Parteien geteilt worden seien.

Durch die zu Beginn der 1970er Jahre einsetzende Globalisierung sei der problematische Umschwung eingetreten. Für die Oberschicht sei nicht mehr die Nation sondern die spezielle Berufsgruppe zur Quelle der Identität und des Selbstbewusstseins geworden. Diese durch den rasanten Ausbau der internationalen Beziehungen geförderte Neuorientierung habe in der Oberschicht zu einer spürbaren Abwertung und Verachtung des eigenen Volkes geführt, so dass in Deutschland das Adjektiv „national“ zu einem Schimpfwort geworden sei. Politiker hätten sich diesem Trend angeschlossen und den Kontakt zur „weißen Arbeiterschaft“ verloren. „Collier bringt interessante Vorschläge vor, um die Misere zu beheben und die Spaltung zu beseitigen“, schloss Zimmermann, „ich halte es jedoch für viel entscheidender, dass er das Problem beschrieben und auf die Gefahren aufmerksam gemacht hat.“ zg

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