Schwetzingen

Aufbruch 2016 Der Aufklärung verpflichtet – auch in Virus-Zeiten

Die richtige Balance

Archivartikel

„Weil wir uns seit unserer Gründung der Aufklärung verpflichtet fühlen“, erklärte Pressereferent Dr. Gunter Zimmermann auf der zurückliegenden virtuellen Sitzung des Sprecherrats der Initiative „Aufbruch 2016“, „sind für uns die Ausführungen des Wissenschaftsphilosophen und Leopoldina-Dissidenten Michael Esfeld besonders interessant.“ In seiner Stellungnahme zu dem umstrittenen Gutachten der Leopoldina, der deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften, fuhr Dr. Zimmermann fort, entwickle der kritische Denker bemerkenswerte Reflexionen zum Verhältnis von Aufklärung und Wissenschaft.

Wissenschaft, so der Referent, der auch diese Pressemitteilung formulierte, diene nach Esfeld der Aufklärung. Doch es könne auch der Fall eintreten, dass die Aufklärung sich gegen die Ansprüche der Wissenschaft und deren politische Instrumentalisierung wehren müsse und damit auch unter diesem Gesichtspunkt Aufklärung geboten sei.

Seit dem Beginn der Aufklärung im 18. Jahrhundert zeige sie zwei verschiedene Gesichter, die streng getrennt werden sollten. Das eine Gesicht sei der Freiheitsgedanke, der in dieser Zeit die Emanzipation des Menschen verlangt habe. Seine grundlegende Idee sei zusammengefasst in der berühmten Definition Immanuel Kants, dass Aufklärung der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ sei. Das andere Gesicht sei der Szientismus, die ideologische beziehungsweise religiöse Vergottung der Wissenschaft, die mit den Problemen aller Ideologien (und Religionen) behaftet sei. Nach dem Szientismus gebe es ein naturwissenschaftliches Wissen, das auch den Menschen und alle Aspekte seiner Existenz umfasse. Gemäß dieses Wissens lasse sich die menschliche Gesellschaft planen und gestalten, ohne dass die betroffenen Menschen in irgendeiner Weise gefragt werden müssten, so die philosophisch anmutenden Ausführungen in der Pressemitteilung.

Freiheitsaspekt berücksichtigen

Die Spannung zwischen diesen beiden Gesichtern sei offensichtlich. In der von Kant vertretenen Richtung werde angenommen, dass Menschen als freie, autonome, der Unmündigkeit entronnene Personen in der Lage seien, ihre eigenen, überlegten Entscheidungen zu treffen. Unter diesem Gesichtspunkt könne es keine Erkenntnisse geben, die den freien Entschluss vorgeben oder erzwingen könnten. Eine Entscheidung als alternativlos auszugeben, sei mit dem Freiheitsgedanken nicht zu vereinbaren. Dagegen behaupte der Szientismus, dass die freie Wahl des Einzelnen überflüssig, sogar schädlich sei. Für einen nicht am Szientismus, sondern am Freiheitsgedanken orientierten demokratischen Rechtsstaat ergebe sich allerdings grundsätzlich ein Dilemma. Einerseits müsse der Staatsgewalt so viele Macht eingeräumt werden, dass sie die Individuen und ihre Gemeinschaften wirksam schützen könne. Andererseits dürfe an diesen Schutz kein Absolutheitsanspruch gestellt werden, da sonst die Freiheit gefährdet sei. Die Herausforderung für die Politiker bestehe darin, die richtige Balance zu finden.

Konkret bedeute dies, dass der Schutz vor der Infektion durch ein Virus nicht absolut gesetzt werden dürfe, sondern auch andere Aspekte – vor allem aber der Aspekt der Freiheit, berücksichtigt werden müssten. Es sei immer zu bedenken, dass der absolute Schutz nur in einem totalitären Staat möglich sei, der sich an der Idee des Szientismus orientiere. Der Weg zum totalitären Staat werde jedoch beschritten, wenn die Staatsgewalt ihre ganze Politik allein darauf ausrichte, Maßnahmen zum Schutz vor der Ansteckung durch das Virus zu ergreifen und durchzusetzen, schreibt Zimmermann im Namen von „Aufbruch 2016“. zg

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